Im Bauch von Frankfurts Fessie

Derzeit ist die Müllverbrennung in Heddernheim gestoppt. Denn alle drei Jahre muss die Anlage auf ihre Dichte geprüft werden. Doch der Stillstand hat es Merkurist erlaubt, sich vor Ort mal genauer umzuschauen.

Im Bauch von Frankfurts Fessie

Es ist kühl und windig in Fessies Bauch. Und es stinkt - nach Restmüll. Dabei sind von den rund 525.000 Tonnen Müll, die dort gleichzeitig verbrannt werden können, nur noch wenige Überbleibsel vorhanden. Denn der Bunker des Heddernheimer Müllheizkraftwerks (MHKW) wurde geleert, womit Fessie derzeit großen Hunger haben müsste. Doch vielleicht merkt sie auch nichts davon, da das ganze System momentan lahmgelegt ist, das Müllmonster schläft. Denn seit dem 26. April steht die Großrevision an, die alle drei Jahre durchgeführt wird.

Der Geruch verrät alles

Statt Müll befinden sich im Inneren des Kraftwerks deshalb Handwerker und Verantwortliche des MHKW. In Sicherheitsschuhen, dunkler Kleidung und mit Sicherheitshelm auf dem Kopf öffnen sie die Tür zu der Grube, die 24 Meter in die Tiefe geht. Zwei vierstöckige Mehrfamilienhäuser könnten dort reinpassen. Alleine der Geruch verrät schon, was dort noch vor wenigen Tagen gelagert wurde. Es riecht nach Müll.

„Man riecht es immer wieder, aber es macht einem nicht mehr so viel aus.“ - Stefan Haas, Leiter der elektrischen Instandhaltung MHKW

Das riecht auch Stefan Haas, obwohl er für die elektrische Instandhaltung der Anlage zuständig und somit fünf Tage die Woche vor Ort ist. „Man riecht es immer wieder, aber es macht einem nicht mehr so viel aus“, sagt der schlanke, große Mann. Während das Vollbetriebs betreten die Arbeiter Fessies Bauch allerdings mit Staub- und Atemschutzmasken. „Ansonsten wäre es nicht auszuhalten“, so Haas weiter. Besser werde das Geruchserlebnis auch, weil der Unterdruck in dem Raum stark sei und die Luft durchgehend abgesaugt werde. Die stinkende Luft werde als Verbrennungsluft verwendet und somit nicht verschwendet.

In der Mitte des Bunkers steht ein großer gelber Kran, am Rand sind Gerüste mit mehreren Ebenen aufgestellt. Von ihnen dringen Dialoge der mit der Instandhaltung beauftragten Arbeiter zu Haas hoch.

Wo kommt nun Frankfurts Müll unter?

Eineinhalb Jahre vorher hatten die Planungen für die aktuellen Wartungsarbeiten begonnen. Es mussten die richtigen Überprüfungs- und Handwerksfirmen und eine alternative Lagerstätte für einen Großteil von Frankfurts Müll gefunden werden. „Es war eine erhebliche Herausforderung für die Logistik“, sagt der Geschäftsführer der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) Dirk Remmert. Er hat sich - ausgerüstet mit Helm und Schutzweste - ebenfalls in Fessies Bauch gewagt. Schließlich müsse die Müllentsorgung in der Stadt weiter gewährleistet sein. Deshalb wurde am Osthafen ein Zwischenlager für den Müll installiert. Von dort aus wird der Abfall in andere Müllverbrennungsanlagen gebracht, ein Großteil davon nach Mainz.

„Durch die Inhaltsstoffe des Mülls können die Plaetten kaputt gehen.“ - Frank Brunzlow, Leiter der Produktion MHKW

Etwas Müll ist aber noch in Heddernheim geblieben. Er klebt an den Wänden neben den Arbeitern, die Schritt für Schritt Holzplatten an den Wänden des Bunkers lösen und sich den Zustand der Stahlkonstruktion dahinter anschauen. „Durch die Inhaltsstoffe des Mülls können die Platten kaputtgehen“, sagt Haas’ Kollege Frank Brunzlow. Und so wechseln die Bauarbeiter zwischen ihrem Zigarettengang innerhalb der zweiwöchigen Großrevision 100 bis 200 Quadratmeter Holzplatten aus. Begibt man sich auf die Höhe der Männer mit den Schweißgeräten und steht in Heddernheims Mülllager, kommt man sich ziemlich klein vor. Vor allem wird einem bewusst, wie viel Müll nur ein Teil der Frankfurter produziert.

Während die Arbeiter schauen, ob die Wände des Bunkers dicht sind, damit das Grundwasser nicht verunreinigt wird, hängt über ihnen eine riesige Müllgreifzange.

Sie kann sechs Tonnen auf einmal von dem Bunker in sogenannte Verbrennungstrichter, die sich an der Seite der Mülllagerfläche befinden, transportieren. Gesteuert wird sie noch ganz altmodisch von Menschenhand - auch wenn sie halbautomatisch funktionieren würde, wie Haas sagt. Vollständig verbrannt wird der Müll allerdings nicht, etwa zehn Prozent bleibt übrig - vor allem Metalle, weiß Haas’ Vorgesetzter Markus Sänger, Betriebsleiter des MHKW. Viele der Metalle werden recycelt.

Im Inneren des Schornsteins

Sänger ist es auch, der die Truppe schnellen Schrittes weiter durch eine kleine Luke führt. Zwischen Steinwänden, die stark nach Backsteinen aussehen, geht es im Halbdunkeln in den Hals von Fessie - den 120 Meter hohen Schornstein. Ein Blick nach oben lässt alle Horrorfilm-Fans sofort an eine Szene aus dem Klassiker „The Ring“ denken - der helle Kreis zwischen dunklen Wänden.

Auch gruselig ist die Vorstellung, dass dort normalerweise bis zu 160 Grad Celsius herrschen. Vier Tage musste der Kamin, wie Sänger ihn nennt, herunterkühlen, damit Bauarbeiter und Prüfer ihn betreten konnten. Jetzt ist es dort frisch, windig und staubig, denn das Entlüftungssystem läuft noch und wirbelt unter anderem den Staub der Bauarbeiten durch die Anlage. Bei allen Überprüfungen wurden bisher so gut wie keine Mängel festgestellt, sagt Sänger.

Die Dampfturbine, die sich am anderen Ende in Fessies Körper befindet, sei ebenfalls in einem zufriedenstellenden Zustand.

Durch sie wird die Abwärme, die bei der Müllverbrennung entsteht und nicht direkt wie der Großteil in die Frankfurter Haushalte gespeist wird, in Strom umgewandelt. Und so kann Fessie mit gutem Gewissen ab Montag wieder mit Müll gefüttert werden und diesen verdauen. Die Besitzer sind durch den Stillstand und die Wartungen um einen Betrag im einstelligen Millionenbereich ärmer geworden. Aber für sie lohnt es sich. Denn dass sie ihr Drache die Umwelt verpestet, wollen sie sich nach der Großrevision nicht mehr vorwerfen lassen. (mr)

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