Sieben Romane, die in Frankfurt spielen

Der Großteil der deutschen Stadtliteratur spielt in Berlin, Frankfurt wird eher selten als Schauplatz gewählt. Aber einige Autoren machen die Stadt am Main doch zur Protagonistin. Sieben Lektüreempfehlungen.

Sieben Romane, die in Frankfurt spielen

Ein beliebter Schauplatz für Romane ist Frankfurt ganz sicher nicht. In einigen - wie Thomas Manns „Felix Krull“ - wird die Stadt am Rande erwähnt. Sie zur Protagonistin machen aber nur wenige Autoren, wie diese hier.

Andreas Maier – Kirillow (2005)

„…und somit sei dieses hiermit beendet als Prolog in der Hölle, denn nichts anderes als eine Hölle ist die Kellerstraße siebzehn in Frankfurt-Ginnheim.“

Bevor Andreas Maier begann, sich seinem auf elf Bände angelegten Großprojekt „Ortsumgehung“ zu widmen, dessen aktuellster Roman „Die Familie“ am 17. Juni erschien, veröffentlichte er mit „Kirillow“ einen absolut „Frankfurterischen“ Roman.

Seine Protagonisten, linke Mittzwanziger, taumeln orientierungslos durch die Stadt. Sie besuchen die Oppenheimer Bar, Stalburg, Dr. Flotte oder die Weinstube Bockenheim und sind überhaupt die ganze Zeit in den Straßen unterwegs, bevorzugt zur Nachtzeit. Neben dem hohen Alkoholkonsum und dem vielen Gebabbel haben sie auch eine Agenda: Gemeinsam mit anderen Studierenden wollen sie einen drohenden Castortransport aufhalten.

Jörg Fauser – Rohstoff (1984)

„Vielleicht lag es an dieser heißen, engen Stadt, die ihre Dynamik am Himmel austobte, jede Börsenerholung mit einem neuen Wolkenkratzer feierte, erfüllt war mit unablässigen Dröhnen, Preßlufthammern, Abrißbirnen, U-Bahn-Rammen, abends die giftige Luft aus den lädierten Lungen stieß, eine tödliche Dosis…“

Wie so viele Frankfurter verbindet Harry Gelb eine starke Hassliebe mit seiner Heimatstadt. Ihn verschlägt es nach Istanbul, Berlin und Göttingen, am Ende landet er doch wieder in Frankfurt. Während die einen mitten im Häuserkampf die Revolution planen (Baader wird bestimmt bald auftauchen!) versucht sich Jörg Fausers Alter Ego in „Rohstoff“ lieber am exzessiven Drogenkonsum.

Harry Gelb gelingt es schließlich, seine Geister hinter sich zu lassen, er schreibt einen Roman à la Bukowski, gibt ein Untergrundmagazin heraus, arbeitet auch mal als Nachtwärter an der Uni. Dazwischen trinkt er sich, beständig auf der Suche nach einem klein bisschen Sinn, durch die Kneipen Frankfurts und lernt allerlei skurrile Gestalten kennen.

Jörg Fauser, der ein ähnliches Konsumverhalten an den Tag legte, wurde 1987 an seinem 43. Geburtstag von einem LKW erfasst – vermutlich hatte er versucht, betrunken die Straße zu überqueren. Im Mai brachte der Diogenes Verlag (nebst anderen seiner Bücher) eine Neuausgabe von „Rohstoff“ heraus.

Marlene Streeruwitz – Nachkommen. (2014)

„Das war also Frankfurt. Es fand sich nichts Zusammenhängendes. Die Häuser irgendwie. Alt. Neu. 50er Jahre. 60er Jahre. 80er Jahre. Gründerzeit. Aber nichts reihte sich aneinander. Die Straßen waren breit und die Autos groß und glänzend.“

Mit 20 Jahren ist Nelia die jüngste Autorin, die je auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Die Wienerin reist für die Preisverleihung nach Frankfurt und stolpert mit Google Maps bewaffnet durch die Stadt, die in stakkatohaften Stil beschrieben wird. Dort holt sie ihre Vergangenheit ein: In Frankfurt wohnt nämlich ihr Vater, zu dem sie bisher keinen Kontakt hatte. Vor allem aber ist „Nachkommen.“ eine Satire auf den hiesigen Literaturbetrieb. Auf die Shortlist wie Nelia schaffte es Marlene Streeruwitz mit diesem Roman zwar nicht, aber immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014.

Valentin Senger – Kaiserhofstraße 12 (1978)

„Bei all ihren Vorsichtsmaßnahmen bedachte Mama jedoch nicht, daß in einer so liberalen und weltoffenen Stadt wie Frankfurt, in der Juden und Christen seit Jahrhunderten nebeneinanderlebten, es einmal etwas Lebensgefährliches sein könnte, Jude zu sein.“

Valentin Senger erzählt in „Kaiserhofstraße 12“, der erste Roman der 2010 ins Leben gerufenen Lesereihe „Frankfurt liest ein Buch“, die unglaubliche Geschichte seines eigenen Lebens. Er wächst in dieser Seitenstraße zur Freßgass auf; in den Zwanzigern ist die Kaiserhofstraße eine lebhafte, durchmischte kleine Welt, hier treffen Schauspieler der Alten Oper, Transvestiten, Prostituierte und jüdische Familien aufeinander.

Eine heterogene Gemeinschaft, die bestens funktioniert – bis sich mit Hitlers Machtergreifung alles ändert. Der Jude Valentin Senger wird mit seiner Familie über die gesamte NS-Zeit in dem Hinterhaus der Nummer 12 wohnen bleiben und vielen Zufällen, Wundern und hilfreichen Menschen zum Dank überleben.

Jakob Arjouni – Happy Birthday, Türke! (1985)

„Zum zweiten Mal an diesem Tag schaukelte mich die U-Bahn zum Hauptbahnhof. Dann stand ich am Ende der Rolltreppe und am Anfang einer der Luststraßen, die ich hintereinander nach der Dirne durchsuchen mußte. […] Vor den roten Plüscheingängen verschiedener Clubs lehnten bleiche, ranzige Männer, um mit markigen Sprüchen die vorbeiziehenden Passanten zu einem Besuch anzuhalten.“

Im Alter von nur 21 Jahren veröffentlichte Jakob Arjouni seinen ersten Krimi „Happy Birthday, Türke!“, vier weitere sollten in den nächsten Jahrzehnten folgen. Seinem noch völlig verkaterten Privatdetektiv Kemal Kayankaya wird ein Mordfall zugetragen. Kayankayas Ermittlungen führen ihn ins Bahnhofsviertel: Der Tote war ein Heroindealer. Wer hatte noch seine Finger im Spiel?

„Happy Birthday, Türke!“ wurde 1992 unter der Regie von Doris Dörrie verfilmt. 2017 erschien bei der Edition Büchergilde eine Ausgabe mit Illustrationen von Philip Waechter, dem Sohn des legendären Zeichners und Karikaturisten F. K. Waechter. Jakob Arjouni hat dies leider nicht mehr mitbekommen: Er starb Anfang 2013 an Krebs.

Peter Kurzeck – Übers Eis (1997)

„In der Juliusstraße. Wo ist denn die Juliusstraße? Gleich rechts von der Leipziger. An der Ecke ein Supermarkt, ein HL, und direkt daneben grüngekachelt ein Kasten, ein Apartmenthaus … Beim Hauseingang jetzt. Eine ganze Wand Briefkästen. Die meisten offen. Aufgebrochen, die Türen verbogen. Ganz ohne Türen. Und Briefkästen, in denen es gebrannt hat.“

Kaum ein Frankfurter Autor hat ein so hohes literarisches Renommee wie Peter Kurzeck, der sich in seinen Büchern zumeist Bockenheim und Frankfurt widmete. Der Titel „Übers Eis“ lässt schon anklingen: Es ist kalt, nass, ungemütlich. Offen beschreibt Kurzeck sein eigenes Leben in seiner Wahlheimat Mitte der Achtzigerjahre. Da ist Sybille, die ihn verlassen hat, Carina, die gemeinsame Tochter, da ist der chronische Geldmangel und die existentielle Krise, unter der er leidet.

Er versucht, wieder mit dem Leben klarzukommen, unternimmt nie enden wollende Spaziergänge durch Frankfurt auf Wohnungssuche, auf Jobsuche, mit seiner kleinen Tochter. Wie nebenbei entfaltet Peter Kurzeck dabei in ganz eigenem Stil ein breites Spektrum der westdeutschen Gesellschaft, insbesondere Frankfurts. Kein Wunder, dass Kurzeck als der Chronist seiner Zeit gilt.

Stefanie Zweig – Die Kinder der Rothschildallee (2009)

„Die Rothschildallee, in der sie geboren und aufgewachsen war, war umbenannt worden. Sie hieß nun Karolingerallee. Vielen Frankfurter Straßen erging es ebenso. Aus dem Börneplatz wurde der Dominikanerplatz, aus dem Börsenplatz der Platz der SA. […] Die Untermainbrücke wurde zur Adolf-Hitler-Brücke.“

Johann Isidor Sternberg ist in seiner Selbstwahrnehmung zwar ein deutscher Patriot, das interessiert nach Hitlers Machtergreifung aber niemanden. Während er mit seiner Familie in den Zwanzigerjahren recht unbehelligt in der Rothschildallee 9 lebte, treibt ihn der Boykott jüdischer Geschäfte in den Ruin, und auch die immerwährende Bedrohung macht es für die Sternbergs fast unmöglich, weiter in Frankfurt zu leben.

„Die Kinder der Rothschildallee“ (Jahre 1926 bis 1937) ist der zweite Band der vierteiligen Familiengeschichte, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts umfasst. Autorin Stefanie Zweig, deren bekanntestes Werk „Nirgendwo von Afrika“ ist (die Verfilmung des Romans erhielt 2003 einen Oscar), lebte übrigens bis zu ihrem Tod 2014 in der Rothschildallee 9. (nm/ab)

Kennt ihr die Romane? Könnt ihr weitere empfehlen, in denen Frankfurt eine wichtige Rolle spielt? Dann schreibt es uns in die Kommentare.

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