Sieben urbane Erkenntnisse aus dem Nordend

Ein Leben zwischen luxussanierten Altbauen und Laktose-Intoleranzen: Unser Autor ist vor einigen Jahren in den 53.000 Einwohner starken Stadtteil gezogen - und verrät euch, was er von den Bewohnern des Nordends gelernt hat.

Sieben urbane Erkenntnisse aus dem Nordend

Neben Bornheim, Bockenheim und Sachsenhausen ist auch das Nordend ein Stadtteil, mit dem viele liebäugeln, wenn sie in Frankfurt eine Wohnung suchen. Nicht ohne Grund: Wer das Glück hat, hier eine Bleibe zu finden, wird sich nicht nur recht bald sehr wohlfühlen – sondern auch schnell mit den Eigenarten des Viertels vertraut. Natürlich ist auch zwischen Grünanlagen, Cafés und Gründerzeit-Fassaden nicht alles Gold, was glänzt. Dennoch lässt sich feststellen, dass die „Nordendler“ ihren Stadtteil lieben und ihm mit ihrer Haltung und Einstellung erst sein Gesicht verleihen. Grund genug, um der Bohème gut zuzuhören. Und folgendes von ihr zu lernen.

1. Dass das Nordend nicht Bornheim ist

Der Hype um das „lustige Dorf“ treibt zuweilen skurrile Blüten: Glaubt man beispielsweise Wohnungsinseraten, dann erstreckt sich Bornheim von der Friedberger Anlage aus über die untere Berger Straße hinweg und nimmt wie selbstverständlich auch ihre Seitenstraßen für sich in Anspruch. Kein Wunder, dass sich Besucher oft in Bornheim verorten, kaum dass ihr Blick die „Berger“ streift. Die Nordendler wissen das natürlich besser!

Erst die Höhenstraße markiert die Grenze in den Nachbarstadtteil, die Straßenzüge unterhalb gehören - genau! - zum Nordend. So auch der Günthersburgpark, der entgegen anderslautender Behauptungen nicht in Bornheim liegt. Eine Feststellung, auf die man hier großen Wert legt. „Bernem“ ist schön, keine Frage - dennoch ist nur Nordend drin, wo auch Nordend draufsteht. Punkt, aus, basta.

2. Dass sich das Leben draußen abspielt

Ja, die Gentrifikation hat diesen Stadtteil längst im Griff. Doch obwohl die Menschen im Nordend ganze Vermögen in ihre Wohnungen investieren müssen, halten sie sich nur selten drinnen auf: Wie kaum in einem anderen Stadtteil hat man hier verinnerlicht, dass das Leben draußen doppelt Spaß macht. Wenn es nicht gerade schneit und stürmt, bevölkern die Nordendler Sitzbänke an jeder Straßenecke, breiten karierte Decken im Günthersburgpark aus und erfreuen sich an der Blütenpracht des Bethmannparks.

Man liest Bücher am Luisenplatz, trifft seine Freunde in einer der zahlreichen Cafés und Bars oder versorgt sich am nächsten Büdchen mit einer Erfrischung. Der Haushalt jedenfalls, der kann im Nordend im Zweifel noch bis morgen warten. Die Musik, die spielt hier auf der Straße. Überzeugt Euch selbst: Hier im Norden der Innenstadt ist ein ganz und gar südländisches Flair fast ganzjährig spürbar. Der Freitag für Freitag aufs neue berstende Friedberger Platz ist hierfür nur das prominenteste Beispiel. Ein Hoch auf die „Deutsche Vita“!

3. Dass wirklich nichts schade genug ist, um es wegzuwerfen

Wer durch die Straßen des Nordends schlendert, kommt an ihnen nicht vorbei: Jenen Ansammlungen von gelesenen Büchern, ausgedienten Haushaltsgeräten und Babykleidung – verstaut in auf Bürgersteigen abgestellten Kartons mit der Aufschrift: „Zum Mitnehmen!“ Keine Kaffeetasse scheint hier hässlich genug, um sie den Weg allen Irdischen antreten zu lassen, kein Bügelbrett zu zerschlissen, um damit nicht noch einem Passanten eine Freude zu bereiten.

Im Nordend versteht man, den Sharing-Gedanken bis zu seinem konsequenten Ende zu denken: Folglich entpuppen sich vermeintliche Sperrmüllansammlungen nur allzu oft als großzügiges Geschenk an Flaneure. Genaues Hingucken lohnt sich – die Müllabfuhr kommt schließlich früh genug!

4. Wie lebenswert ein Friedhof ist

Friedhöfe gehören für gewöhnlich zu den Orten, an denen man eher ungern seine Zeit verbringt. Ein wenig anders aber verhält es sich am Frankfurter Hauptfriedhof: Schon seit geraumer Zeit haben die Menschen im Nordend den Freizeitwert der über 70 Hektar großen Anlage für sich entdeckt. Sie genießen es, im Schatten der alten Bäume zu spazieren, sich am märchenhaften Anblick der Mausoleen zu erfreuen und schätze die wertvolle Erfahrung, sich der Endlichkeit des eigenen Lebens bewusst zu werden.

Auch Jogger haben die verschlungenen Pfade für ihre Runde für sich entdeckt. Das stößt manchen sauer auf (wir berichteten), Trauernde und Sportler begegnen sich hier in aller Regel jedoch mit knappem Gruß und Respekt. Dass der zuständige Ortsbeirat jüngst die Idee einer Leseecke inmitten der Grabanlage einbrachte, zeugt nur davon, dass der Hauptfriedhof den Anwohnern längst zur liebgewonnenen Oase geworden ist.

5. Warum Wasserhäuschen der hippe Shit sind

Frankfurter lieben ihre Wasserhäuschen. Während anderswo in der Republik Trinkhallen als Sammelbecken für halbseidene Gestalten und gescheiterte Existenzen verschrien sind, fungiert das hiesige Pendant seit jeher als nachbarschaftlicher Treffpunkt für Jedermann - vom feinen Banker bis zum pensionierten Straßenreiniger. Längst ist ein regelrechter Kult um die „Büdchen“ entstanden, der jedoch erst im Nordend auf ein ganz neues Level gehoben wurde: Am Vorzeige-Wasserhäuschen „Gudes“, das neben kaltem Schoppen und Mate-Getränken aller Art auch eine Siebträger-Kaffeemaschine vorhält, versorgen sich seit einigen Jahren Hipster, privilegierte Altbaubewohner und junge Helikoptereltern („Unser Finn-Lucas lebt vegan!“).

Manchmal mit süßem Crêpe, zumeist aber mit flüssigen Annehmlichkeiten. Eben jenen, die es für eine lauschige Sommernacht bedarf. Am angrenzenden Matthias-Beltz-Platz herrschen Reggae-Musik und bunter Trubel bis in die späte Nacht hinein – das gefällt zwar nicht jedem Anwohner, andererseits: Ist es nicht schön, dass sich so viele Menschen den öffentlichen Raum als ihr urbanes Wohnzimmer zurückerobert haben?

6. Dass Latte Macchiato sowas von 2012 ist

Das Nordend gehört glücklicherweise zu den Vierteln, in denen es noch weitaus mehr Cafés als Spielhallen gibt. Wie bereits erwähnt, haben die Nordendler eine große Leidenschaft fürs Kaffeetrinken entwickelt. Dabei gehen sie mit dem Trend - und reiten im Jahr 2019 konsequent auf der Third-wave-coffee-Welle. Was seine Folgen hat: Wer das „Hoppenworth & Ploch“ an der Friedberger Landstraße betritt (wo wöchentlich frische Bohnen geröstet werden), um zielsicher einen Latte Macchiato zu bestellen, wird mit sträflichen Blicken von ihren MacBooks aufblickenden Hipstern bedacht.

Das macht man nämlich seit spätestens 2015 nicht mehr! „FlatWhite“, „Coldbrew“ und Filterkaffee lauten die Gebote der Stunde. Und wenn es schon irgendwas mit „Latte“ sein muss, entscheidet man sich im Nordend dann doch lieber für die Matcha- oder Rote-Beete-Variante. Wer dennoch auf seinen Latte Macchiato besteht, sei an eine Filiale einer US-amerikanischen Kaffeehauskette verwiesen. Darauf noch einen Cortado!

7. Weshalb man einen kleinen Geist ins Herz schließen sollte

Wer mit offenen Augen durch Frankfurt läuft, kommt an ihm nicht vorbei: Den „City Ghost“, jenen kleinen, blauen Geist, der sich seit über 15 Jahren gemütliche Plätze an Brücken, Fassaden und Stromkästen sucht. Längst hat die putzige Fantasiegestalt nicht nur eine eigene Homepage, sondern zahlreiche Anhänger in der ganzen Stadt. Nirgends aber scheint der City Ghost so präsent wie im Frankfurter Nordend!

Am unteren Ende der Berger Straße ziert er gar ein ganzes leerstehendes Haus und fast täglich lassen sich bei Spaziergängen durchs Viertel neue der spukenden Graffitis entdecken. Wer den Geist erst einmal ins Herz geschlossen hat, wird ihn als treuen Begleiter durch den Alltag des Nordends nicht mehr wissen wollen. Dass niemand genau weiß, wer die Schöpfer der frech grinsenden Genossen sind, tut der Liebe zum Geschöpf keinen Abbruch. Und trägt der urbanen Legendenbildung bei. Buuuh!

Entgegen ursprünglicher Planungen ist das Frankfurter Nordend zwar nie Regierungssitz geworden, auch wenn der Sendesaal des hessischen Rundfunks (der nicht im Dornbusch liegt!) seinen als Plenarsaal für das bundesdeutsche Parlament angedachten Zweck noch gut erkennen lässt. Dennoch gibt es tausend Gründe, den Stadtteil zu lieben. (mr)

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