Tatortreinigerin: „Man darf nicht alles an sich heranlassen“

Özlem Kaya ist Tatortreinigerin. Ein Beruf, der durch das Fernsehen einen großen Mythos erlangte, in der Realität jedoch harte Arbeit ist. Für die 41-Jährige ist es hingegen fast schon eine Leidenschaft. Merkurist traf sie zum Interview.

Tatortreinigerin: „Man darf nicht alles an sich heranlassen“

Es sind Orte schlimmster Verbrechen und grausamer Tragödien: Tatorte. Die Räume, in denen Menschen verstarben, sind nicht nur mit traurigen, sondern manchmal auch mit schlimmen Geschichten verbunden. Und irgendjemand muss diese hinterher leider reinigen. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es dafür Tatortreinigerin Özlem Kaya.

Im Jahr 2009 gründete sie ihre Gebäudereinigungs-Firma, 2015 begann sie eine spezielle Ausbildung zur Tatortreinigerin – inspiriert wurde sie dabei von der NDR-Serie „Der Tatortreiniger“, mit Bjarne Mädel in der Hauptrolle. Im Gespräch mit Merkurist erzählt die 41-Jährige über ihren ersten Einsatz, ihre Leidenschaft für den Beruf und warum es wichtig ist, die Eindrücke und Geschichten nicht zu sehr an sich heranzulassen.

Spezielle Ausbildung nötig

Merkurist: Frau Kaya, Tatortreinigerin klingt zunächst nicht nach einem Traumjob. Warum haben Sie sich dennoch für diesen Berufszweig entschieden?

Kaya: Er fasziniert mich einfach. Mit unserem Unternehmen sind wir vorher schon auf Gebäude- und Unterhaltsreinigung spezialisiert gewesen – einfach alles, was man sich darunter vorstellen kann. Dann bin ich im Fernsehen auf die Branche der Tatortreiniger aufmerksam geworden. Ich dachte mir, Tatortreinigerinnen gibt es nicht so viele. Außerdem fand ich es fachlich sehr interessant, es ist eine andere Art der Reinigung. Man braucht dafür eine spezielle Ausbildung.

Merkurist: Worauf kommt es mental bei Ihrer Arbeit an? Sie bewegen sich ja immerhin an Tatorten…

„Ich habe ein Team hinter mir, das mich sehr gut unterstützt – das braucht in erster Linie starke Nerven.“ - Özlem Kaya, Tatortreinigerin

Kaya: Ich habe ein Team hinter mir, das mich sehr gut unterstützt – das braucht in erster Linie starke Nerven. Es gab schon große, starke Leute, die das erste Mal an einen Tatort kamen und beim Anblick einen Schritt zurücktraten und sagten: „Das kann ich nicht“. Das kann ich verstehen und akzeptiere das, denn nicht jeder ist dafür gemacht.

Merkurist: Aus wem besteht denn Ihr Team? Haben Ihre Mitarbeiter auch eine bestimmte Ausbildung?

Kaya: Mein Team besteht aus erfahrenen Gebäudereinigern, die jetzt keine besondere Ausbildung mehr brauchten. Ich gebe ihnen Anweisungen und danach arbeiten sie. Die Klarheit tut ihnen auch gut.

Eindrücke nicht an sich heranlassen

Merkurist: Wie gehen Sie und Ihr Team mit den Eindrücken an Ihrem Arbeitsplatz um?

Kaya: Es ist schon wichtig, dass man die Ereignisse und Eindrücke von vor Ort nicht an sich heranlässt. Denn dann könnte man den Job nicht richtig machen. Natürlich hat der Tod immer auch etwas Trauriges und vor Ort bekommt man viele persönliche Eindrücke von Verstorbenen. Aber wenn man anfängt zu überlegen und versucht, die Ereignisse zu rekonstruieren – irgendwann schafft man das einfach nicht mehr.

Merkurist: Gibt es da besondere Handgriffe?

„Wenn ich sie nämlich darauf vorbereite, was sie vor Ort erwartet, dann ist der erste Schock nicht so groß.“ - Özlem Kaya

Kaya: Ich gehe als Erste zum Tatort und verschaffe mir einen Überblick. Danach erstelle ich einen Arbeitsplan, erkläre diesen meinen Mitarbeitern und mache klare Ansagen. Dann weiß jeder, was zu tun ist und konzentriert sich auf das Wesentliche. Wenn ich sie nämlich darauf vorbereite, was sie vor Ort erwartet, dann ist der erste Schock nicht so groß.

Merkurist: Worum geht es bei der Reinigung im Wesentlichen?

Kaya: Am Ende soll der Raum wieder bewohnt werden. Es soll niemand davon etwas mitbekommen, dass dort vorher eine Leiche gelegen hat. Das funktioniert auch immer sehr gut. Bei der Reinigung selbst geht es in erster Linie um Desinfektion und darum, bakterientötend zu arbeiten.

Das erste Mal bis heute die schlimmste Geschichte

Merkurist: Was war denn die erste Geschichte als Sie damals begannen? Welche Gefühle empfanden Sie dabei?

Kaya: Das war direkt ein harter Einsatz. Der Auftrag kam von einer Hausverwaltung, die verstorbene Person blieb vorher drei Monate unentdeckt. Zunächst wollte ich mir dann den Fundort im Vorfeld näher ansehen und bin mit dem Hausmeister zur Wohnung. Den Moment als er die Tür öffnete, werde ich nie vergessen.

Merkurist: War es so schlimm?

„Es war brutal. Der Geruch hat uns fast erschlagen. Ich dachte mir in dem Moment nur: Oh mein Gott, was mache ich jetzt?“ - Özlem Kaya

Kaya: Es war brutal. Der Geruch hat uns fast erschlagen. Ich dachte mir in dem Moment nur: Oh mein Gott, was mache ich jetzt? Alles war ausgelaufen, der Verwesungsgeruch schlug uns entgegen. Speckkäfer und Maden waren überall. Das war sehr hart. Danach habe ich zwei Tage nicht geschlafen.

Merkurist: Wieso genau?

Kaya: Ich habe mich gefragt: Wie bekomme ich das denn alles sauber? Doch ich fand eine Lösung und danach war mir klar: Wenn ich so eine Wohnung reinigen kann, dann schaffe ich auch alles andere im Job. Das gab mir Selbstvertrauen. Es zeigte mir, dass diese Arbeit wirklich nicht jeder machen kann und das macht unser Unternehmen letztlich auch aus.

Merkurist: War das Ihr schlimmster Fall?

Kaya: Ja, auf alle Fälle.

Leichenfundort und -details sind wichtig

Merkurist: Sie sagten, dass die Hausverwaltung damals auf Sie zukam. Wie läuft so ein Auftrag generell ab?

Kaya: Ich muss zunächst wissen, wie lange die Leiche schon am Tatort lag, was genau passiert ist und zum Tod geführt hat. Lag eventuell eine Infektion vor oder war der Verstorbene vielleicht sogar erkrankt. Für mich ist ebenso wichtig, wo genau der Tatort ist. Außerdem ist wichtig, wie lange die Leiche schon da liegt und was passiert ist. Wenn ich also genau weiß, wie es passiert ist, kann ich mit den Planungen beginnen.

Merkurist: Wie sehen die Planungen aus?

Kaya: Ein Beispiel: Wenn die Leiche längere Zeit unentdeckt im Bett lag, dann kann ich schon davon ausgehen, dass das im Schlafzimmer ist. Aus Erfahrung gehe ich dann davon aus, dass die ganze Körperflüssigkeit aus dem Körper in die Matratze gezogen ist. Dann müssen wir das Bett auch entsorgen. So arbeiten wir uns Schritt für Schritt vor. Oder ich habe die Information, dass sich jemand in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten hat, dann gehe ich davon aus, dass es mit viel Blut zu tun hat.

Merkurist: Wie ist Ihre Beziehung zu Ihrem Job? War es rückblickend eine gute Entscheidung, die zusätzliche Ausbildung zu machen?

„Ich liebe meinen Beruf wirklich und ich liebe es, Unternehmerin zu sein.“ - Özlem Kaya

Kaya: Ich liebe meinen Beruf wirklich und ich liebe es, Unternehmerin zu sein. Es ist einzigartig und außergewöhnlich, der Job macht mir Spaß. Ich finde es toll, dass wir uns als Gebäudereiniger damit von anderen Firmen unterscheiden. Wir bauen uns sachlich und fachlich etwas auf und ich habe Leute, die die Nerven dazu haben.

Merkurist: Was dachten Ihre Freunde und Familie, als Sie sich für den Beruf der Tatortreinigerin entschieden?

Kaya: Mein Vater fragte mich erstmal, ob ich denn nichts Anständiges lernen könnte (lacht). Meine Freunde dachten zunächst, ich würde scherzen. Aber jetzt sind sie alle sehr stolz auf mich.

Merkurist: Interessieren sich auch andere Menschen für Ihre Arbeit?

Kaya: Es fasziniert die Leute, was hinter dem Beruf des Tatortreinigers steht. Aber das ist mir nicht das Wichtigste, muss ich sagen. In erster Linie bin ich Unternehmerin und Frankfurterin. Ich bin hier aufgewachsen und Frankfurt kann stolz auf mich sein.

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