Frankfurt braucht weniger Anonymität

Frankfurter laufen täglich aneinander vorbei, ohne sich wirklich wahrzunehmen. Man versinkt in der Stadt teilweise in Anonymität. Dabei kommt das Nahbare, Nachbarschaftliche etwas zu kurz, findet unsere Autorin. Ein Kommentar.

Frankfurt braucht weniger Anonymität

Für Zugezogene ist es etwas, das sie anfangs verwirrt. „Sind die Frankfurter unfreundlich, nicht kommunikativ oder mögen sie mich einfach nicht?“, habe ich mich in meiner ersten Zeit in der Mainmetropole gefragt. Denn von Fremden angeschaut oder spontan angesprochen wird man hier nicht - Obdachlose sind dabei meist eine Ausnahme. Anonym leben die Frankfurter nebeneinander her. Das ist schade. Freiheitsdrang und unbeobachtete Selbstentfaltung hin oder her, etwas mehr Austausch und Wissen über seine Nachbarn könnte Frankfurt guttun. Dann würde neben dem wirtschaftlichen Erfolg in der pulsierenden Großstadt auch die manchmal fehlende emotionale Nähe entstehen.

Kontakt im Trubel finden

Nach einem anstrengenden Arbeitstag möchten Frankfurter in Ruhe gelassen und nicht vollgequatscht werden. Das ist in dem ganzen Trubel der Großstadt auch nötig - etwas Ruhe oder Abstand von noch mehr verrückten Menschen zu haben. Doch manchmal ist es genau das, was uns entspannen und Abstand von dem stressigen Alltag finden lässt. Ein Gespräch über Belangloses mit einer wildfremden Person in der U-Bahn, um zu erkennen, das alles, worüber wir uns die vergangenen Stunden auf der Arbeit Gedanken gemacht haben, eigentlich genauso unwichtig ist. Und die Überforderung von all den Eindrücken und dem Chaos um einen herum kann meist auch besser bewältigt werden, wenn man diese Gefühle mit anderen teilt.

Das ist vor allem in einer Stadt wie Frankfurt wichtig, in der in fast 50 Prozent der Wohnungen Singlehaushalte zu finden sind. Genau für diesen Großteil der städtischen Bevölkerung wird das Gefühl, einsam in der Menschenmenge zu sein, zur Qual. Denn fast alle Gesichter um sie herum kennen sie nicht. Und viel Augenkontakt gibt es auch nicht. Vielmehr tippt oder liest fast jeder auf seinem Handy, hat Kopfhörer auf oder ist in ein Buch vertieft. Wenn dann mal jemand Hilfe braucht oder eine ältere Person einen Sitzplatz sucht, dauert es eine Weile, bis jemand aufspringt. Bedankt man sich für die Hilfe, erhält man lediglich ein knappes Lächeln zurück. Doch ein Gespräch will nicht entstehen. Das ist Schade, haben doch auch vor allem ältere Menschen ein großes Bedürfnis danach, sich auszutauschen. Wer einmal von einem fremden Senior neben einem die komplette Lebensgeschichte auf der Fahrt vom Randbezirk in die Innenstadt gehört hat, hat nicht nur dem einsamen älteren Mann ein Ventil gegeben, um seine Gedanken loszuwerden, sondern auch selbst einen Einblick in eine andere Welt erhalten.

Zeigt deutlich, dass hier keine Roboter leben

Und so kämpfen sich viele Frankfurter alleine durch den Alltag, gehen höchstens mal auf andere Menschen zu, wenn sie Alkohol getrunken haben. Dadurch entsteht manchmal eine Kälte innerhalb der Gesellschaft, die so gar nichts mit der eigentlichen Akzeptanz und Offenheit zu tun hat, die den Frankfurtern als Bürgern einer schon immer freien Stadt im Blut liegt. Mit mehr Geselligkeit könnten diese positiven Eigenschaften noch mehr zum Vorschein kommen und etwas mehr Menschlichkeit ausgelebt werden. Denn gerade in einer Arbeiterstadt wie Frankfurt ist es wichtig, deutlich zu machen, dass die Menschen, die hier leben, eben keine Roboter sind. (nm)

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