The Doors traten vor 50 Jahren in Frankfurt auf

Vor 50 Jahren spielten The Doors auf dem Römerberg und nahmen ein Lied für eine ZDF-Sendung auf, am Tag darauf folgte das richtige Konzert in der Kongreßhalle. Mehrere Zeitzeugen erinnern sich.

The Doors traten vor 50 Jahren in Frankfurt auf

12. September 1968: Es ist ein warmer Septembertag, als am Frankfurter Flughafen ein aus London kommendes Flugzeug landet. Nichts Ungewöhnliches – oder doch? An Bord befinden sich vier Männer, die zur damaligen Zeit weltweit für musikalische Furore sorgen: Jim Morrison, Ray Manzarek, Robby Krieger und John Densmore, besser bekannt als The Doors. Sie sollen in Frankfurt gleich zweimal auftreten.

Nicht in dieser Welt

Am Flughafen wird die Band unter anderem von einer Vertreterin der deutschen Plattenfirma, jemandem von der Tourneeleitung und zahlreichen Fotografen empfangen, wie Rainer Moddemann, Autor einer Doors-Biografie und Herausgeber des Magazins The Doors Quarterly, weiß. Die Blumen, die den vier Musikern in die Hand gedrückt werden, kommen nicht gut an – Jim Morrison ist ziemlich mürrisch und betrachtet lieber sein Spiegelbild in einem verchromten Aschenbecher. Der bekannte Fotograf Günter Zint, der unter anderem die Beatles während ihrer Hamburger Zeit ablichtete, begleitet die Doors auf ihrer Europatournee und schießt ein Foto von genau dieser Szene.

„Morrison stand immer ein bisschen neben sich.“ - Günter Zint, Fotograf

„Morrison stand immer ein bisschen neben sich“, sagt Zint. „Er war mit den Gedanken woanders, nicht richtig in dieser Welt.“ Dabei verbringen der damalige Spiegel-Fotograf und der Doors-Sänger viel Zeit miteinander. „Ich war quasi sein Chauffeur, weil ich einen BMW hatte, in dem man Musik hören konnte.“ Jim Morrison habe ihm Kassetten gegeben, „viel aktuelles Zeug“, erinnert sich Zint, „Musik, die im Gespräch war. Er wollte wissen, was in der Szene los ist.“ Ein Moment dieser Tournee ist Günter Zint besonders in Erinnerung geblieben: „Ich habe einmal eine Kassette von den Doors eingelegt. Morrison brüllte von der Rückbank: ‚Stell die scheiß Musik aus!‘“

Hot & Sweet auf dem Römerberg

Am Tag nach der Ankunft am Frankfurter Flughafen steht um 10 Uhr für die ZDF-Sendung mit dem interessanten Namen 4-3-2-1 Hot & Sweet ein Playback-Dreh auf dem Römerberg an. Während das Fernsehteam mit dem Aufbau beschäftigt ist, spaziert Jim Morrison, wohl angetan von der Architektur, über den Platz. Der spirituelle Sänger entdeckt die Alte Nikolaikirche und lässt es sich nicht nehmen, diese zu betreten, sich vor dem Grabstein Siegfrieds zu fotografieren und die Kanzel zu besteigen. Als er von Pfarrer Gerhard Klein deswegen ermahnt wird, drückt Morrison ihm fünf Hundertdollarscheine in die Hand und spielt danach rund eine Stunde lang auf der Kirchenorgel.

Inzwischen sind einige Flaschen Wein der Marke „Goldener Oktober“ aufgetaucht, bei der die Doors-Musiker gerne zugreifen. Das hat, gemeinsam mit der warmen Septembersonne, Einfluss auf die Dreharbeiten: Dreimal, so Moddemann, muss die Aufnahme zu „Hello, I Love You (vom Album Waiting For The Sun) wiederholt werden, da Morrison seinen Einsatz verpasst. Schließlich lässt sich der 24-Jährige dazu bereitschlagen, ein weiteres Take mit Nahaufnahmen von ihm allein zu drehen.

Der Versuch, auch ihren riesigen Hit „Light My Fire“ aufzunehmen, misslingt vollends und die Aufnahmen werden abgebrochen. In besserer Erinnerung bleibt da der Wein: Angeblich lassen sich die Doors nach der Tournee Flaschen davon nach Los Angeles schicken – laut Rainer Moddemann ganze 200. Während die anderen Bandmitglieder mit ihren Frauen shoppen gehen, zieht sich Morrison nach dem Dreh auf sein Hotelzimmer in der Nähe des Hauptbahnhofes zurück und schreibt Gedichte, später soll er im Hotelgarten weitere auf dem Ast eines Kastanienbaums sitzend verfasst haben.

Chaos in der Kongreßhalle

In der 1994 abgerissenen Kongreßhalle auf dem Messegelände, in der die Doors gemeinsam mit der Bluesrock-Band Canned Heat aus Los Angeles auftreten, befinden sich viele GIs mit ihren Freundinnen unter den Besuchern. Es ist nicht unbedingt Morrisons beste Show: Er sei wenig motiviert gewesen, weiß Rainer Moddemann zu berichten, und habe vor allem „Light My Fire“ nicht spielen wollen. Auch Wolfgang Heilemann, der als ehemaliger Bravo-Fotograf mehrere Millionen Dias von namenhaften Bands wie Led Zeppelin, den Beatles und Queen seinem Archiv hat, war an jenem Abend vor Ort: „Die Doors waren damals schon Superstars, die ganze Welt lag ihnen zu Füßen“, erinnert er sich. „In Deutschland sind sie kaum aufgetreten, deswegen musste ich unbedingt nach Frankfurt.“

„Wenn ich ehrlich bin: Das Konzert hat mir nicht besonders gefallen, Morrison hat eher missmutig dreingeblickt.“ - Wolfgang Heilemann, ehemaliger Bravo-Fotograf

Dank seiner guten Kontakte zum Konzertveranstalter war es ihm möglich, hinter der Bühne eine Art transportables Studio einzurichten, um die Band und schließlich Morrison alleine zu fotografieren. „Ich merkte, aus meiner Kenntnis mit Drogen, dass er ziemlich relaxt war. Das erklärt vielleicht auch seine Stimmung auf der Bühne, viel Gejammere und zu wenig Energie. Wenn ich ehrlich bin: Das Konzert hat mir nicht besonders gefallen, Morrison hat eher missmutig dreingeblickt.“

Nie ohne Eklat auf der Bühne

Doch nicht alle haben einen schlechten Eindruck von der Band. David Votau, damals im Dienste der US Army in Darmstadt stationiert und von „Tag eins“ an Doors-Fan, wie er sich selbst beschreibt, hat an diesem Abend die Band gut im Blick: „Ich stand genau vor Morrison, so nah, dass ich ihn hätte berühren können.“ Bei dem Konzert sorgt Jim Morrison für einen kleinen Eklat, als eine Flagge des Staates Kalifornien, die an einer Holzstange befestigt ist, nach vorne gereicht wird. „Morrison griff danach“, berichtet Votau. „Er studierte das Objekt und man konnte genau sehen, wie sich ein spitzbübisches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete, als er die Flagge erkannte.“

Was dann folgt, erbost das Publikum enorm: „Ich konnte direkt in seine zugedröhnten Augen blicken. Er riss die Flagge von der Stange und tat so, als würde er sich den Hintern damit abwischen. Dann warf er sie zurück in die tobende Menge.“ Die Fahnenstange unterdessen hält Jim Morrison wie ein Speer. „Er drehte sich langsam in alle Richtungen und zielte auf das Publikum. Alles war still.“ Aber Entwarnung: Morrison zerbricht die Holzstange schließlich über seinem Knie.

„Plötzlich bemerkte ich, dass Jim in meine Richtung kam und ehe ich mich versah, griff er nach meiner Kamera. Ich dachte, ich würde sie nie wiedersehen.“ - David Votau, ehemaliger The Doors- Fan

Frustriert entfernt sich die Menge aus der Konzerthalle. Als bis auf rund 90 Fans alle das Gelände bereits verlassen haben, erklingen wieder Gitarrenakkorde: Jim Morrison und seine Band spielen in fast völliger Dunkelheit mehrere Blues-Cover und zum Abschluss „When The Music’s Over“ und „The End“. Auch David Votau ist noch bei: „Während des Instrumentalteils bei ‚When The Music’s Over‘ schoss ich mehrere Fotos von Morrison, der über die Bühne stolzierte, tanzte und kroch. Plötzlich bemerkte ich, dass Jim in meine Richtung kam und ehe ich mich versah, griff er nach meiner Kamera. Ich dachte, ich würde sie nie wiedersehen.“ Zu David Votaus Überraschung gibt ihm Morrison sie einige Minuten später wieder zurück. Ein Highlight des Abends. „Das war ein Erlebnis, das ich niemals vergessen werde.“

Insgesamt dauert das Konzert noch eine Stunde lang – laut Rainer Moddemann nicht gerade zum Vergnügen der Garderobenfrauen. Wenig zimperlich soll eine von ihnen geschimpft haben: „Da arbeitet man nun sein ganzes Leben lang, um für so eine Missgeburt auch noch Überstunden zu machen!“

Ein besonderer Dank geht an Rainer Kubesch, ohne dessen große Hilfe der Artikel nicht annähernd so detailliert geworden wäre.

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