„Bloggen ist mehr als Sneakers zu fotografieren“

Die Frankfurter Blogger-Szene entwickelt sich ständig weiter - so der Blogger Matthias Grün. Fern von dem Werben für Produkte entblößen dort Online-Autoren Teile ihrer Seele und zeigen ihren Alltag in der Mainmetropole.

„Bloggen ist mehr als Sneakers zu fotografieren“

Der letzte Merkurist Artikel zum Thema „Blogger aus Frankfurt“ hat mit dem Statement, dass diese Szene hier kaum vorhanden sei, für viele kritische Kommentare unserer Leser gesorgt. Die Blogger-Szene in Frankfurt gebe es sehr wohl, hieß es von einigen aktiven Frankfurter Bloggern. Besonders empört meldete sich Matthias Grün, der Autor hinter dem Blog „Mainrausch“. „What the fuck?“, war Grüns Reaktion. Wir wollten wissen, was hinter diesem „Was zum Teufel“ steckt und haben den 29-jährigen Blogger zu uns in die Redaktion eingeladen. Heraus kam ein interessantes Gespräch über die unterschiedlichen Seiten der Szene.

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Mit welchen drei Worten würdest du die Frankfurter Blogger-Szene beschreiben? (1) Vielfältig - wie die Stadt selbst. Was in Frankfurt besonders ist, ist, dass man so viel Vielfalt auf engstem Raum hat. Man kann durch die gesamte Stadt mit dem Fahrrad fahren. Hinter jeder Straßenecke findest du eine andere Welt. Die Stadt wird nie langweilig. Auch das Nebeneinander von arm und reich, von bunt und trist, von hoch und ganz niedrig, ist spannend. (2) Dynamisch - es tut sich gerade unheimlich viel. (3) Lesenswert - es gibt immer ein Stück Bereicherung und das Lesen von Blogs ist nie eine Zeitverschwendung gewesen.

Amira Haruna von Ami Coco sieht das anders. Laut ihr ist die Blogger-Szene in Frankfurt nicht vorhanden. Definiert sie Bloggen möglicherweise anders? Bloggen wird oftmals nur als Lifestyle-Abfallprodukt betrachtet. Meistens geht es um Fashion und Kosmetika-Produktproben und gesponserte Produkte von Taschenherstellern. Ich finde, der informative Mehrwert liegt dabei bei null. Das Herzblut ist für mich da nicht zu finden. Bloggen ist für mich mehr als Mode und „Was ich gerne esse“. Das hat zwar seine berechtigte Nische, aber es ist schade, dass die meisten Leser mit Bloggern Leute verbinden, die den ganzen Tag Sneakers fotografieren.

Was ist Bloggen dann? Bloggen ist so viel mehr und ich bin es leid, das zu erklären. Bloggen kann einem einen Mehrwert geben. Man kann dadurch so viel erfahren und erleben. Und das alleine durch das Lesen von Blogs. Lydias Blog beispielsweise. Sie ist blind und schreibt über ihren Alltag. Seitdem ich ihre Einträge lese finde ich es so bewundernswert, wie sich Blinde im Alltag zurechtfinden. Ich weiß nun jeden Blinden ganz anders wertzuschätzen. Es ist eine tolle Möglichkeit, um sein eigenes Umfeld besser kennenzulernen.

Apropos besser kennenlernen: Bei deinem Blog „Mainrausch“ bekommt der Leser auch ziemlich viele Ecken von Frankfurt zu sehen. Meine Motivation ist es jedem, der neu in der Stadt ist, zu zeigen, dass Frankfurt so viel mehr als nur Bankenviertel und Hektik auf der Zeil ist. Mein Blog handelt vom Leben, Lieben und Untergehen in Frankfurt. Mainrausch ist wie ein persönliches Tagebuch. An meinem 29. Geburtstag hatte ich beispielsweise eine Sinnkrise gehabt. Darüber habe ich auf meinem Blog geschrieben. Mir hat es persönlich sehr geholfen, das mit Worten zu katalysieren und auf meinem Blog rauszulassen. Und da ist es mir egal, ob andere das lesen oder gut finden. Das hilft mir persönlich einfach. Ich würde auch schreiben, wenn ich wüsste, dass es niemand liest. Trotzdem freue ich mich über positives Feedback.

Interessieren dich die Klick-Zahlen denn gar nicht? Bloggen ist für mich ein Hobby. Um Geld zu verdienen habe ich meinen Beruf als Lokführer für den ICE. Dass ich mit Bloggen kein Geld verdienen muss, weiß ich sehr zu schätzen. Einfach machen zu können, wie ich will; unkäuflich und frei zu sein und mich für nichts rechtfertigen zu müssen, das will ich auf jeden Fall beibehalten.

Gibt es in Frankfurt einen Austausch zwischen den Bloggern selbst und organisieren Stadt und Unternehmen extra Veranstaltungen für Euch? Nein, so ein Austausch findet in Frankfurt überhaupt nicht statt. Man muss schon selbst sehr bemüht sein, um immer am Ball zu bleiben. Und eine Vernetzung der Blogger selbst, die versuche ich nun erstmals hinzubekommen. Bei dem Bloggerstammtisch, den ich nun schon zweimal veranstaltet habe, kamen Leute aus Ida-Oberstein und dem Odenwald. Wir haben uns über die Blog-Technik und Themen ausgetauscht. Das gibt es ja in anderen Städten auch und das möchte ich hier etablieren.

Dankeschön für das Gespräch, Matthias!

Matthias Grün ist Autor des Blogs „Mainrausch“. Sein erfolgreichster Artikel wurde von mehr als 7000 Menschen gelesen und handelte davon, warum er am liebsten alleine ins Café geht. Zu seinem Hauptberuf möchte er das Bloggen nicht machen. Dann würde er seine Unabhängigkeit verlieren, sagt er.

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