Wie der Frankfurter Benjamin Jürgens mit Tourette lebt

Zuckungen, verbale Ausbrüche und starrende Menschen - ein Tourettler hat es im Alltag nicht leicht. Benjamin Jürgens erzählt, wie er als Betroffener unter anderem „endlich ist sie tot“ auf einer Beerdigung rief.

Wie der Frankfurter Benjamin Jürgens mit Tourette lebt

Als sich die Tür öffnet, steht ein großer, sportlicher Mann mit einem Säugling auf dem Arm in der Wohnung. „Wir können gerne ins Grüne nach draußen gehen“, sagt er. Dabei huscht er schnell nach hinten und übergibt das Kind der frischgebackenen Mutter. Mit einem Kuss verabschiedet er sich von ihr - es ist offensichtlich, dass die beiden ein Paar sind. Auf dem Weg nach draußen ertönen „Miau-Geräusche“ und eine Art Pfeifen im Treppenhaus.

„Unser Gehirn filtert nicht, wie es andere tun.“ - Benjamin Jürgens, Tourette-Betroffener

Bei Benjamin Jürgens ist das keine Seltenheit, denn der 38-Jährige ist seit seiner Kindheit von dem Tourette-Syndrom betroffen. Eine Entwicklungsstörung des Nervensystems, welche unter anderem zu Zucken und verbalen Ausfällen führt, wie es Jürgens erklärt. Für jemanden, der nicht davon betroffen ist, ist das schwer nachzuempfinden. „Schließe mal die Augen und denke bitte nicht an Merkel“, sagt Jürgens um seinen Zustand besser erklären zu können. Schnell wird klar, dass das Gegenteilige passiert. „Genau so ist es mit den Worten, die Tourettler sagen. Es sind oft Assoziationen, die einfach rausmüssen. Unser Gehirn filtert nicht, wie es sollte“, erklärt er weiter.

Keine Fachärzte in Hessen

„Ich wollte es nicht wahrhaben.“ - Benjamin Jürgens, Tourette-Betroffener

Auch wenn bereits in seiner Kindheit Tourette-Anzeichen aufgefallen sind, kam es erst mit Anfang 20 zu einer Diagnose. „Als mich ein Arzt darauf aufmerksam machte, wollte ich erstmal nichts davon hören. Ich wollte es nicht wahrhaben“, erzählt der Altenpfleger. Mittlerweile leitet er gemeinsam mit seiner Mutter die Selbsthilfegruppe Hessenticser in Offenbach für Tourettler. Eine Anlaufstelle, die sehr wichtig ist, denn trotz der vielen Fälle, gibt es keine Neurologen, die sich in Hessen darauf spezialisiert haben. Betroffene müssen daher weite Wege auf sich nehmen, um mit Spezialisten sprechen zu können. Jürgen selbst fährt regelmäßig bis nach Hannover.

Mit Cannabis und Musik zur Ruhe kommen

Während des Gespräches dreht sich Jürgens einen Joint. Cannabis soll nämlich Tourettlern helfen, die Tics in den Griff zu bekommen. Für den Fall, dass Jürgens nachweisen muss, dass er den Stoff konsumieren darf, hat er ein Rezept, sowie ein QR-Code auf seiner Dose. Andere Medikamente nimmt er nicht mehr ein - Cannabis helfe ihm nun einmal am meisten. Das bemerkt man auch, denn während er seinen Joint raucht, hören seine Zuckungen und die Geräusche auf. Das soll auch der Fall sein, wenn er Kung FU macht, Gitarre spielt oder singt, sagt Jürgens. Trotzdem merke er danach, wie müde er sei. Denn auch wenn die Tics nicht zum Vorschein kommen, erfordert es sehr viel Energie, die der Körper verbraucht, um sie zu unterdrücken.

Es sind allerdings nicht nur Zuckungen und ungewollte Ausdrücke, die Tourettler von anderen unterscheiden - das betreffe sogar nur 20 Prozent der Betroffenen, meint Jürgens. In seinem Fall müsse er beispielsweise immer dieselbe Reihenfolge beim Duschen einhalten und auch keine Streifen kann er leiden, was dazu führt, dass er nicht auf den Zebrastreifen laufen möchte.

Wie Mitmenschen damit umgehen

„Das empfehle ich auch allen anderen Menschen. Tourettler einfach so hinzunehmen wie sie sind.“ - Benjamin Jürgens, Tourette-Betroffener

Auch wenn Jürgens nichts für seine Tics kann, bleibt nicht immer viel Zeit, Fremden die Gründe für sein Handeln zu erklären. So kam es sogar kurz vor seiner offiziellen Diagnose dazu, dass er auf einer Beerdigung schrie „endlich ist sie tot“. Auch in Schlägereien war er schon mal verwickelt. Trotzdem habe er überwiegend positive Erfahrungen gemacht, wenn er erklärt, was die Gründe für sein Handeln sind.

Besonders auf der Arbeit seien die Senioren, die er pflegt, sehr verständnisvoll. „Wir lachen sogar viel darüber zusammen“, sagt Jürgens. „Mir ist mal ‘lauf doch selbst’ ausgerutscht, als ich eine Bewohnerin im Altenheim im Rollstuhl schob. Die entgegnete mir: ‘Jetzt halt aber die Klappe’“, erzählt er lachend weiter. Es sei ihm auch lieber, wenn Menschen seine Handlungen mit Humor nehmen, als wenn sie ihn seltsam anschauen. „Das empfehle ich auch allen anderen Menschen. Tourettler einfach so hinzunehmen wie sie sind“, sagt Benjamin Jürgens.

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