Islam in Frankfurt: Dialog und Toleranz

Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, befand Horst Seehofer kürzlich, während Parteikollege Söder munter Kreuze aufhängen lässt. Doch gerade im weltoffenen Frankfurt leben viele Muslime friedlich mit anderen Glaubensrichtungen zusammen.

Islam in Frankfurt: Dialog und Toleranz

„Das Zusammenleben in Frankfurt ist sehr, sehr harmonisch“, betont Saber Ben Neticha vom Vorstand des hiesigen Rates der Religionen , um die Situation des Islams und den Alltag verschiedener Religionen und Kulturen zu beschreiben. Er führt die Pegida-Demonstrationen als Beispiel an: „In Dresden gibt es 0,4 Prozent der Muslime; und hier, mit einem viel höheren Anteil, hatte die Fragida-Bewegung kaum Zulauf.“ In der Tat erwies sich Fragida als sehr kurzlebig: Bei den wenigen Demonstrationen Anfang 2015 nahmen mitunter nicht einmal 100 der selbsternannten „Protestler“ teil, während die Gegendemonstrationen viele Tausende Leute an die Hauptwache zog.

Von Zahlen und Schätzungen

Doch wie hoch genau ist der Anteil der Muslime in Frankfurt? Gar nicht so leicht zu beantworten, wie Ayşe Coşkun-Şahin vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA) der Stadt Frankfurt verrät: „Laut dem Grundgesetz ist es den Behörden bis auf wenige Ausnahmen nicht erlaubt, nach der Religionszugehörigkeit zu fragen. Wir haben aber Schätzungen, die auf den Herkunftsländern berufen: Bürger Frankfurts, die aus einem der 56 Mitgliedsstaaten stammen, die zur Organisation für Islamische Zusammenarbeit gehören, werden statistisch dem Islam zugeordnet.“ Natürlich sei diese Methode fehleranfällig, das ist klar.

„Viele Muslime, die sich als religiös bezeichnen, beten oder fasten nicht, ganz ähnlich wie bei den Christen.“ - Saber Ben Neticha, Rat der Religionen

Dennoch bekommt man dadurch eine ungefähre Zahl, die zumindest tendenziell Aufschluss darüber gibt, wie viele Muslime in Frankfurt leben. 2015 waren von 724.486 Frankfurtern etwa 14,3 Prozent Muslime, was einen Anteil von gut 100.000 Einwohnern ausmacht. Saber Ben Neticha bemerkt dazu: „Viele Muslime, die sich als religiös bezeichnen, beten oder fasten nicht, ganz ähnlich wie bei den Christen. Ich würde sagen, nur ein Viertel geht mehr oder weniger regelmäßig in die Moschee.“ In Hessen selbst ist die Anzahl der Muslime übrigens bedeutend geringer: Laut einer ebenfalls geschätzten Zahl durch die Landesregierung gehören nur rund drei Prozent der Bevölkerung dem Islam an.

Generell sei Frankfurt eine internationale Stadt, wie Coşkun-Şahin und Neticha einstimmig befinden. Von den offiziell 194 Staatsangehörigen , die es auf der Welt gibt, sind in Frankfurt 177 vertreten („ die internationalste Stadt der Bundesrepublik“, betont Coşkun-Sahin); der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt aktuellen Zahlen vom Juni 2017 zufolge bei 51,2 Prozent. Diese hohe Zahl von Nationalitäten fördert Toleranz, Akzeptanz und Interesse an dem anderen – gleich, welcher Religion oder Ethnie man angehört.

Diskrepanzen höchstens auf persönlicher Ebene

Insgesamt 35 islamische Gebetstätten gibt es verteilt im ganzen Stadtgebiet. Dass dort verschiedene Strömungen wie Schiiten und Sunniten, aber auch Aleviten, die sich als kulturbezogene und nicht als religiöse Gruppe verstehen, aufeinandertreffen, ist in diesem Mikrokosmos kaum ein Problem, solange die Konflikte der Welt nicht importiert werden. „Diskrepanzen gibt es höchstens auf persönlicher Ebene“, weiß Saber Ben Neticha. Immerhin sitzen die Religionen in Gremien und Institutionen zusammen und das nicht nur in Bezug auf islamische Gruppierungen: Der Rat der Religionen zum Beispiel vertritt die Interessen mehrerer Religionsgemeinschaften. „Der Glaube, gleich an wen, verbindet uns. Außerdem haben wir gemeinsame Schnittmengen wie die Religiosität im öffentlichen Raum ausleben. Da ist es nicht so wichtig, ob man Kippa, Kopftuch oder Turban trägt.“ Schließlich versuche keiner, den anderen zu missionieren.

„Dass die Gesellschaft von dieser interreligiösen Debatte profitiert, sieht man tagtäglich.“ - Saber Ben Neticha, Rat der Religionen

Nicht missionieren, sondern den Dialog aufrecht zu erhalten und zugleich die Brücke zwischen Gesellschaft und Politik zu schlagen, darin besteht die Aufgabe des Rates der Religionen . „Ähnlich also wie bei Gemeinden und Kirchen, nur dass sich eben Vertreter vieler Religionen zusammentun“, sagt Neticha. „Dass die Gesellschaft von dieser interreligiösen Debatte profitiert, sieht man tagtäglich. Es ist eine große Bereicherung, wenn man Schwierigkeiten gemeinsam bewältigen kann.“ Dies schaffe die einträchtige Atmosphäre, die das Leben in Frankfurt auszeichnet. „Diese Solidarität zeigt sich in allen Lebensbereichen: Es gibt christliche Gläubige, die Flüchtlingskinder oder ganze Familien aufgenommen habe. Und andersrum gibt es Muslime, die ihren Nachbarn helfen, die beispielsweise nicht mehr einkaufen können. Sowas sieht man in Frankfurt zuhauf.“

Religionsunterricht ist wichtig für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der eigenen und auch ganz allgemein mit Religion und damit auch mit anderen Religionsgemeinschaften.“ - Ayşe Coşkun-Şahin, AmkA

Um bereits Kinder mit dem Islam vertraut zu machen, wird an fünf, sechs Grundschulen Islamunterricht angeboten. Schulunterricht, so Ayşe Coşkun-Şahin, ist allerdings Aufgabe des Landes, weswegen die Stadt Frankfurt keine genauen Zahlen hat. Coşkun-Şahin hält die Möglichkeit, sich in schulischem Rahmen mit dem Islam zu beschäftigen, für elementar: „Religionsunterricht ist wichtig für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der eigenen und auch ganz allgemein mit Religion und damit auch mit anderen Religionsgemeinschaften“, sagt die Sachverständige des AmkA . „Schließlich bekommt man dadurch die Grundsätze der eigenen Religion vermittelt.“

Alle Teile der Gesellschaft sind gefragt

Für mehr Aufklärung, die wiederum Toleranz schafft, ist es wichtig, dass alle Teile der Gesellschaft ihren Beitrag leisten, angefangen bei Kindergärten und Schulen bis hin zu religiösen Einrichtungen. „Pegida und Konsorten berufen sich auf ihre christliche Identität, leben diese Werte aber in keiner Weise“, sagt Saber Ben Neticha. Aufklärungsarbeit muss geleistet werden, bei der auch die Medien gefragt sind. Man weiß inzwischen, dass die AfD, je mehr über sie und vergleichbare Gruppierungen gesprochen wird – selbst wenn es im negativen Sinne ist –, desto mehr auch gewählt wird, mitunter eben aus Trotz oder Protest heraus.

Seit der Gründung 1989 setzt sich das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA ) mit seiner Querschnittsarbeit für die Herstellung von Chancengleichheit und Akzeptanz von Vielfalt in Frankfurt ein. Es fördert ein diversitätsbewusstes Verständnis und unterstützt damit das konstruktive Zusammenleben der Frankfurterinnen und Frankfurter. „Die langjährige und kontinuierliche Arbeit des AmkA hat dazu beigetragen, dass die Stadtbevölkerung in Themen der Diversität so offen und versiert ist“, erklärt Ayşe Coşkun-Şahin.

Und nicht nur das AmkA leistet ganze Arbeit: Wie wichtig die Vorreiterrolle von religiösen Institution in Sachen Toleranz und Solidarität ist, zeigte sich am Frankfurter Hauptbahnhof. „Als hier viele Flüchtlinge ankamen und die Polizei zum Teil überfordert war, wurden vor allem Caritas , die Diakonie und zwei, drei Moscheen aktiv“, erinnert sich Saber Ben Neticha. „Eine Moscheegemeinde beispielsweise organisierte in vier Arbeitsgruppen rund hundert Freiwillige, die sich die ganze Nacht um die Ankommenden kümmerten und sie mit Essen und Wasser versorgten.“ Denn darum geht es am Ende: Sich den Herausforderungen fern von Glauben oder Nicht-Glauben gemeinsam stellen, um sie so lösen zu können.

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