Ein Fall von Schizophrenie

Ein unter Schizophrenie leidender Mann steht vor Gericht, da er immer wieder gewalttätig wird und andere Menschen schlägt. Doch der Fall ist komplex und die Lebenswirklichkeit des Beschuldigten beängstigend.

Ein Fall von Schizophrenie

Die Welt von Herr E. ist gefährlich. Es ist eine Welt, in der er von Monstern verfolgt und von Illuminaten misshandelt wird. Jedes Auto, das zu dicht an ihm vorbei fährt, versucht ihn potenziell umzubringen. In seinem eigenen Kosmos haben sich die Menschen gegen ihn verschworen und bösartige Stimmen versuchen ihn zum Selbstmord zu treiben. Herr E. leidet an einer paranoiden Schizophrenie.

Die Tat von Herr E.

Diese Krankheit hat ihn nun vor Gericht gebracht. Im Dezember 2015 laufen zwei Erzieherinnen mit ihren Kindergartenkindern durch die Innenstadt. Die Ältere der beiden findet es merkwürdig, dass Herr E. die Gruppe aufmerksam mustert und fragt ihn, ob er denn der Vater von einem der Kinder sei. Ohne jede Vorwarnung springt Herr E. auf die Frau zu und schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht. Das Nasenbein ist gebrochen, es fließt Blut. Die Erzieherin taumelt, die Kinder schreien. „Er hat gesagt, er will uns alle umbringen“, sagt ihre Kollegin. „Er sprach von Monstern, die ihn verfolgen“, sagt die Polizei. „Ich habe zu Herrn Jesus Christus gebetet“, sagt Herr E.

Nach der Tat findet die Polizei Herrn E. auf der Straße vor, er versucht nicht zu fliehen, lässt sich widerstandslos abführen. Später schlägt er in der psychischen Abteilung eine Mitpatientin, weil sie eine andere gefüttert hat. „Gegen ihren Willen“, ist Herr E. sich sicher. Er sei einfach nur bereit, sich selbst zu verteidigen, das betont er immer wieder während des Verfahrens.

„Ich stehe außerhalb der Gesellschaft.“ - Herr E.

Es ist schwer für ihn, sich in der engen Welt des Gerichts zurechtzufinden. „Ich stehe außerhalb der Gesellschaft“, stellt er selbst fest. Immer wieder fällt er anderen ins Wort, versucht sich zu rechtfertigen, seine Sicht auf die Welt klar zu machen. Er sei ein G.I., sagt er - ein Eigentum des Staates. Das habe ihm ein Psychologe gesagt, damals 1999. Allgemein hat er ein gutes Gedächtnis für Zahlen. Zahlen, die in Verbindung stehen mit psychotischen Erlebnissen. Zum Beispiel als er vom Balkon sprang, weil ihm die Stimmen dies eingeredet haben.

Die Geschichte von Herr E.

Doch Herr E. ist nicht nur dieser Mann, der auf der Anklagebank sitzt und der über Dinge redet, die weder Richter noch Staatsanwaltschaft verstehen können. Er ist nicht nur der Mann, der die Kindergärtnerin, die Patientin und auch immer wieder die Pfleger geschlagen hat. „Ich liebe die Natur“, so Herr E. „Ich wollte Wüstenforscher werden.“ Herr E. wächst in einer normalen Familie auf, „die frühkindliche Entwicklung verlief unauffällig“, wie es der Gutachter beschreibt. Nur die Tante habe an einer psychotischen Erkrankung gelitten.

„Cannabis ist dafür bekannt, bei einer gewissen Veranlagung eine Psychose auszulösen.“ - Gutachter

Doch dann, im Jugendalter, kam eine Reise nach Holland und Herr E. entdeckte das Kiffen für sich. „Es wurde immer mehr“, gibt Herr E. selbst zu. „Cannabis ist dafür bekannt, bei einer gewissen Veranlagung eine Psychose auszulösen oder zu begünstigen“, erklärt der Gutachter. Zwar werde nicht jeder Konsument mit solch einer Krankheit konfrontiert, aber das Risiko bestehe nun einmal.

Dann begann der Abwärtsstrudel: Die ersten Ausbrüche der Krankheit sorgten dafür, dass Herr E. sich nicht mehr richtig konzentrieren konnte. Die Schule schafft er nur eben so, Ängste und Schlafstörungen plagen ihn. Die Schizophrenie wurde nicht frühzeitig behandelt, stellt der Gutachter fest.

„Drehtürpsychiatrie nennen wir das.“ - Gutachter

Und später, als die Krankheit bekannt und Herr E. immer öfter in Behandlung war, nahm er die Medikamente nicht regelmäßig. Laut Gutachter war Herr E. 70 bis 80 Mal in stationärer, psychiatrischer Behandlung. „Drehtürpsychiatrie nennen wir das“, so der Gutachter. Immer wieder kommt Herr E. in Behandlung, wird aufgepäppelt und wieder entlassen. Dann folgt ein weiterer Schub, eine weitere Straftat und er landet wieder bei den Ärzten, den Pflegern die er so sehr hasst und doch so sehr braucht.

„Keiner von euch will da rein!“, bekräftigt Herr E. während der Verhandlung immer wieder. „Die brechen einen dort! Die wollen mich nicht heilen!“ Dabei würde er Medikamente nehmen wollen, wenn sie ihm denn helfen würden. Doch das wird schwierig, denn - so Arzt und Gutachter - er bekommt schon eine sehr hohe Dosis seiner Medikamente.

„Aber kann das, was ich wahrnehme nicht auch real sein?“ - Herr E.

Immer wieder schwankt Herr E. auch während des Prozesses zwischen Einsicht und Realitätsverlust: „Ihr habt mein Kind! Ich weiß, es ist nur imaginär, aber es ist trotzdem da. Ihr habt es misshandelt!“, ruft er zwischen die Erklärung des Gutachters. Der Richter sieht sich zuweilen gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. Niemand wolle ihm etwas böses, sagt der Richter. Die Autos würden ihn nicht töten wollen, sagt der Gutachter. „Aber kann das, was ich wahrnehme nicht auch real sein?“, fragt Herr E.

Herr E. liebt das Leben

Herr E. liebt diese Welt und das Leben, betont er immer wieder. Er schreibt und malt gerne, genießt die Natur. Aber dann kommen die Stimmen und der Realitätsverlust. Dann versucht Herr E. wieder sich zu verteidigen, notfalls mit Gewalt. „Ich sehe im letzten halben Jahr keine Verbesserung seines Zustands“, erklärt der Gutachter. Es gebe immer mehr Delikte und keinen Therapie-Erfolg. Eine Unterbringung in eine geschlossene, psychiatrische Klinik sei alternativlos. Die Staatsanwaltschaft plädiert ebenfalls für eine Unterbringung in solch eine Einrichtung. Der Rechtsanwalt von Herr E. schließt sich an. Nur Herr E. will nicht mehr dort hin.

„In meinem nächsten Leben will ich Tischler werden.“ - Herr E.

Doch auch das Urteil ist eindeutig: Herr E. ist nicht gesellschaftsfähig, er ist psychotisch und kann keine wirkliche Reue zeigen. Um ihn und andere zu schützen, wird er fortan in einer geschlossenen, psychiatrischen Einrichtung leben. Ob er weiterhin dort bleiben muss, soll in regelmäßigen, periodischen Abständen überprüft werden. „In meinem nächsten Leben“, so Herr E. „will ich Tischler werden.“

Informationen

Wer bei sich selbst oder einer Person im engeren Kreis Anzeichen einer Schizophrenie zu erkennen glaubt, der kann sich beim Krankenhaus der Goethe-Universität unter der Telefonnummer 069 6301 - 84713 bei Herr Dr. Robert Bittner melden. Dort erhalten Betroffene und Angehörige Hilfe. Eine frühe Diagnose und rechtzeitige Behandlung kann die Symptome verringern.

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