Ein Studium für Unentschlossene

Um Studierenden den Einstieg in das Hochschulleben zu erleichtern, bietet die Frankfurter Goethe-Universität in Zukunft zwei Studiengänge mit integrierter Orientierungsphase an. So will sie Anfängern helfen, das richtige Studium zu finden.

Ein Studium für Unentschlossene

Was möchte ich studieren? Diese Frage zwingt junge Menschen, die es an eine Hochschule zieht, eine weitreichende Entscheidung zu treffen. Damit die Wahl nicht zur Qual wird, hat die Goethe-Universität Frankfurt ein neues Projekt ins Leben gerufen: das Goethe-Orientierungsstudium. „Gerade im Rhein-Main-Gebiet ist der Personenkreis, der sich für ein Studium interessiert, recht heterogen“, erklärt Roger Erb, Vizepräsident der Universität. Daher habe man ein Angebot schaffen wollen, mit dem Unentschlossene ihren Studienschwerpunkt an den eigenen Interessen ausrichten könnten.

Denn auch wegen weitreichender Änderungen wie der Bologna-Reform - wodurch Studiengänge und Abschlüsse europaweit vereinheitlicht und auf das Bachelor/Master-System umgestellt wurden - sei die Studienwahl zunehmend kompliziert geworden, weshalb etwa Eltern oft keinen Überblick mehr hätten und dementsprechend nur wenig helfen könnten.

Wie funktioniert’s?

Deshalb geht ab dem Wintersemester 2019/20 der Bachelorstudiengang Natur- & Lebenswissenschaften mit 40 Studienplätzen an den Start, im Sommersemester 2020 folgt dann das Pendant für die Geistes- und Sozialwissenschaften mit 90 Plätzen. Der erstgenannte Studiengang umfasst eine zweisemestrige Orientierungsphase, wodurch sich die Regelstudienzeit von sechs auf acht Semester verlängert. Im Anschluss daran müssen sich Studierende für eine der sieben Fachrichtungen Biowissenschaften, Biochemie, Chemie, Geowissenschaften, Meteorologie, Physische Geographie oder Sportwissenschaften entscheiden.

Der geistes- und sozialwissenschaftliche Bachelor hat eine einsemestrige Orientierungsphase, wodurch sich die Regelstudienzeit von sechs auf sieben Semester erhöht. Dabei können die Studierenden eine der folgenden Fachrichtungen für den weiteren Studienverlauf auswählen: Sportwissenschaften, Katholische Theologie, Religionswissenschaft, Ethnologie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik oder Humangeographie. Bewerber müssen eine Hochschulzugangsberechtigung vorweisen, Interessierte aus dem Ausland zusätzlich noch geeignete Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2. Sollte die Nachfrage das Angebot übersteigen, wählt die Universität nach Notendurchschnitt (NC) aus.

Orientierung an Kompetenzen und Interessen

Das Konzept folge dem Slogan „Finde Dein Fach“, erzählt Johanna Scheel, eine der Projektkoordinatorinnen. Denn an der Frankfurter Universität müssen Interessierte aus aktuell 155 Bachelorstudiengänge auswählen.

„Ich hätte mir ein Orientierungsstudium am Anfang auf jeden Fall gewünscht“. - Sarah Krebs, Studentin

Dass die Entscheidung nicht immer leicht fällt, bestätigt Sarah Krebs, Studentin der Religionswissenschaft: „Ich hätte mir ein Orientierungsstudium am Anfang auf jeden Fall gewünscht“. Denn nach dem Abitur sei man mit dem riesigen Angebot an Möglichkeiten erst einmal überfordert, „man weiß nicht ganz genau, wohin mit sich selbst“. Und auch die Abläufe und Organisation an der Universität stellen laut der Studentin viele Erstsemester vor Probleme.

Um den unentschlossenen Studienanfängern einen „360-Grad-Rundblick“ zu ermöglichen, wie es die zweite Projektkoordinatorin Bianca Bertulat formuliert, beginnen die neuen Studiengänge mit einer Orientierungsphase. Bertulats Kollegin Johanna Scheel erklärt, dass die Studierenden beispielsweise mit Orientierungsmodulen, Ringvorlesungen, Fachvorträgen und Mentoring-Programmen lernen sollen, ihre Kompetenzen zu entfalten und neue zu entdecken. Im Anschluss an die Orientierungsphase sollten die Studienanfänger sich dann für eine der jeweils sieben angebotenen Studienrichtungen entscheiden.

Bestehende Möglichkeiten reichen nicht aus

„Der Bedarf ist definitiv da.“ - Ingo Feldhausen, Linguistikprofessor

Das neue Konzept wird von vielen Professoren der Universität unterstützt. Die bestehenden Möglichkeiten der Orientierung seien zwar gut, allerdings zu punktuell, befindet Ingo Feldhausen. Der Linguistik-Professor beschreibt, dass viele Schulabsolventen mit falschen Vorstellungen an die Universität kommen. Und tatsächlich wechseln circa 20 Prozent der Studierenden nach Angaben der Goethe-Universität ihr Studienfach, was die Hochschule vor allem auf Fehlvorstellungen vom Fach und Studium zurückführt. So berichtet Chemie-Professor Arnim Lühken etwa, dass der große Anteil an Laborarbeit in seinem Fach für viele Neuankömmlinge ungewohnt sei. Jeden Tag von 9 bis 18 Uhr im Labor stehen, „das muss man mögen“. Sein Kollege Feldhausen bringt die Sicht der beiden Professoren auf das neue Angebot auf den Punkt: „Der Bedarf ist definitiv da“.

BAföG-Anspruch und Geld vom Land Hessen

Aktuell befindet sich das Projekt, das in Kooperation mit den Fachbereichen der Universität und Studierenden aus den Fachschaften konzipiert wurde, in der Pilotphase, die bis Ende kommenden Jahres andauert. Das Land Hessen fördert die neuen Studiengänge bis dahin mit 1,1 Millionen Euro. Gleichzeitig läuft ein solches Orientierungsstudium auch an der Universität Kassel an.

Und während viele Orientierungsangebote an anderen Universitäten kostenpflichtig seien, freuen sich die beiden Projektkoordinatorinnen Scheel und Bertulat über eine Sache ganz besonders: Die neuen Studiengänge sind BAföG-fähig, das heißt, Studierende bekommen bei Bedarf finanzielle Unterstützung über die komplette Regelstudienzeit von acht beziehungsweise sieben Semestern. Interessierte können sich für das Orientierungsstudium im Bereich Naturwissenschaften ab dem 1. Juni 2019 anmelden und für das im geisteswissenschaftlichen Bereich ab dem 1. Dezember 2019.

Weitere Informationen findet Ihr im Internet unter www.orientierungsstudium.uni-frankfurt.de.

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