Frankfurter Straßennamen und ihre Story dahinter

Ende des Jahres hatte die CDU die Idee, einen Pfad im Nordend nach der Schriftstellerin Anna Seghers zu benennen. Anlass genug, um nachzuforschen: Was für Geschichten haben die Frankfurter Straßen zu erzählen? Vier Beispiele.

Frankfurter Straßennamen und ihre Story dahinter

Täglich nehmen wir die Namen der Straßen, Gassen, Wege und Plätze unserer Heimatstadt in den Mund, ohne weiter über deren Bedeutung nachzudenken. Dabei hat gerade das Frankfurter Pflaster einiges zu erzählen. Wusstet Ihr zum Beispiel, dass es eine Straße in Nieder-Erlenbach gibt, die Am Bier heißt? Dass der längste Straßenname, die Friedrich-Wilhelm-von-Steuben-Straße an der Grenze von Bockenheim zu Hausen, stolze 36 Zeichen zählt, während der kürzeste, Wed in Höchst, nur drei hat?

„Beschlussorgane für die Benennung von Straßen und Plätzen sind in Frankfurt die 16 Ortsbeiräte für ihre jeweiligen Zuständigkeitsbereiche“, verrät der Vermessungstechniker Stefan Gerl von der Stadt Frankfurt. „In dem durch die Stadtverordnetenversammlung festgelegten Verfahren besitzt der Magistrat lediglich ein Vorschlagsrecht.“

Der neuste Zuwachs wird wohl der Anna-Seghers-Pfad sein, benannt nach der Autorin, deren Roman „Das siebte Kreuz“ beim diesjährigen Lesefestival Frankfurt liest ein Buch im Mittelpunkt steht. Der Antrag an den Ortsbeirat 3, den Fußweg zwischen der School of Finance und der Deutschen Nationalbibliothek im Nordend nach Seghers zu benennen, reichte die CDU am 28. Dezember 2017 mit der Begründung „Der Fußweg ist derzeit ohne Namen. […] Im Straßenverzeichnis der Stadt Frankfurt gibt es keine Straße mit der Bezeichnung Anna Seghers“ ein. Am 25. Januar wird sich der Ortsbeirat in einer Sitzung mit genau diesem Thema befassen.

Doch nicht nur der Anna-Seghers-Pfad, auch viele der rund 3.400 anderen Straßen in Frankfurt haben eine Geschichte. Merkurist hat vier spannende Beispiele zusammengestellt.

Am Lindenbaum, Eschersheim

Mitunter beschreiben die Straßennamen genau das, was dort zu finden ist, in diesem Fall also eine Linde. Das klingt erstmal nicht sonderlich spannend, aber diese Linde an der Eschersheimer Landstraße ist ein ganz besonderer Baum: Sie wurde vermutlich zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, also um 1648, als Landmarke gepflanzt. Damals trug sie den Namen Kleine Linde, die fünfzig Jahre ältere Große Linde befand sich weiter nördlich am Weißen Stein. Sie stürzte, durch einen Sturm beschädigt, 1923 um. Die verbleibende Linde ist seit 1937 ein Naturdenkmal und gilt als das Wahrzeichen Eschersheims. Um das Überleben der gut zwanzig Meter hohen Linde zu sichern, änderten die Architekten beim Bau der U-Bahn den Verlauf der Strecke, außerdem wird sie inzwischen künstlich bewässert und belüftet.

Lyriker Friedrich Hölderlin lebte Ende des 18. Jahrhunderts für mehrere Jahre bei der Kaufmannsfamilie Gontard am Großen Hirschgraben, besuchte aber regelmäßig zu Fuß seinen Freund Isaac von Sinclair in Bad Homburg. Gut möglich, dass er auf seinen Spaziergängen auch an genau dieser Linde vorbeikam.

Barodapfad, Ostend

Ein rund hundert Meter langer Weg verbindet die Mouson- mit der Königswarterstraße: Der Barodapfad. Benannt wurde das Gässchen im Jahre 2002 nach der indischen Elefantenkuh Baroda, dem letzten Elefanten im Zoo. Baroda lebte von 1959 bis 1984 in Frankfurt, bis der damalige Zoodirektor Dr. Richard Faust schweren Herzens beschloss, Baroda wegzugeben, da ihre ganze Familie nach und nach verstorben war. Mit dieser Entscheidung machte sich Dr. Faust keine Freunde unter den Zoobesuchern - der Frankfurter Zoo hatte seit 1864 durchgehend Elefanten beherbergt, die zu den Hauptattraktionen gehörten. Aus Gründen der artgerechten Tierhaltung siedelte er die Elefantendame in den Tierpark Hagenbeck in Hamburg um, wo sie unter Artgenossen lebt.

Ende September 2014 eröffnete die neue Quarantänestation des Zoos, die als die modernste Europas gilt. Sie liegt übrigens nicht direkt am Zoo, sondern am Barodapfad.

Matthias-Beltz-Platz, Nordend

Nicht nur Frankfurt und Offenbach, auch die Frankfurter untereinander kabbeln sich gerne ein wenig. Und so entbrannte vor einige Jahren eine Diskussion zwischen den Hibbdebachern und den Dribbdebachern, wem denn die Ehre gebühre, einen Platz oder eine Straße nach dem beliebten Kabarettisten Matthias Beltz (1945-2002) zu benennen. Und obgleich Matthias Beltz jahrzehntelang in Sachsenhausen lebte und dort auch verstarb, machte am Ende das Nordend das Rennen - immerhin hatte er, bevor er Sachsenhausen zog, in der Weberstraße gewohnt. Stefan Gerl verrät: „In diesem Falle ist es dem Ortsbeirat 3 gelungen, zuerst eine für die Benennung geeignete Fläche in seinem Stadtteil zu definieren.“

Im Juni 2014 wurde der bis dato namenlose Platz zwischen der Friedberger Landstraße und der Spohrstraße, im Volksmund höchstens Kleiner Friedberger Platz genannt, auf den Namen Matthias-Beltz-Platz getauft. Zusammen mit der Namensfindung wurde das Plätzchen mit Bäumen und Sitzgelegenheiten aufgehübscht und ist, auch dank des dort stehenden Wasserhäuschens, zu einem beliebten Treffpunkt geworden.

Töngesgasse, Altstadt

Der gemeine Frankfurter neigt in seiner Mundart des Öfteren dazu, sämtliche Wörter, Eigennamen nicht ausgeschlossen, zu entstellen. Denn wer würde bei dem Wörtchen „Tönges“ heute noch auf die Idee kommen, dass es von „Antoniter“ abgeleitet ist? Im 13. Jahrhundert gründete der Antoniter-Orden in der Nähe der Staufenmauer ein Kloster, das namensgebend für die Gasse war, die bald zu Toniter-, dann zur Thonnes-, Tönnes- und schließlich zur Töngesgasse wurde, denn: „Lange Namen waren im Volksmund nicht beliebt“, so Gerl.

Beim sogenannten Großen Christenbrand 1719 wurden mehr als 400 Häuser in der nördlichen Altstadt und auch das Kloster vernichtet, dessen letzten Überreste man Anfang des 19. Jahrhunderts abreißen ließ. Die Luftangriffe der Alliierten im März 1944 legten die Töngesgasse erneut in Schutt und Asche. Aber es gibt auch Erfreulicheres zu berichten: Seit 1999 wird jährlich das Antoniterfest von der Interessensgemeinschaft Töngesgasse organisiert. Die Töngesgasse hat viele bekannte Gesichter gesehen. Neben den Senckenberg-Brüdern wurde auch Heinrich Nestlé im Jahre 1814 hier geborgen, der später den weltweit bekannten Lebensmittelkonzern gründen sollte.

Logo