20 Jahre Abstiegskrimi

Der 29. Mai 1999, der Tag, an dem die Eintracht allen Widrigkeiten zum Trotz den Klassenerhalt schafften, ist im kollektiven Gedächtnis Frankfurts verhaftet. Wir haben mit Spielern und Fans gesprochen, die das 5:1 miterlebten.

20 Jahre Abstiegskrimi

Nürnberg, Stuttgart, Freiburg, Rostock, Frankfurt – am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1999 kämpften fünf Mannschaften um einen einzigen Platz, der den Klassenerhalt sichern würde. Und die Eintracht ging mit der schlechtesten Ausgangsposition auf das Spielfeld. Was dann geschah, wissen wir alle: Mit Toren von Chen Yang, Thomas Sobotzik, Marco Gebhardt, Bernd Schneider und schließlich dem legendären Übersteiger von Jan Åge Fjørtoft in der 89. Minute sicherte die Eintracht den Klassenerhalt. Wie fühlte sich das damals an? Spieler wie Fans erinnern sich zurück.

Marco Gebhardt, Torschütze des 3:1, Trainer Blau-Weiß 90 Berlin

„Der 29. Mai ist einfach ein ganz besonderer Tag.“ - Marco Gebhardt

„Wir hatten zwar die schlechteste Ausgangsposition, die man sich vorstellen könnte, auf das Spiel haben wir uns aber normal vorbereitet. Wir wussten, dass es noch eine theoretische Chance gab, nicht abzusteigen. Wenn du aber von anderen Vereinen abhängig bist, gehst du mit der Sache anders um.

Die dramatischen Wendungen während des Spiels habe ich in dem Moment gar nicht so wahrgenommen. Zur Halbzeit stand es noch 0:0, wir waren somit leider abgestiegen. Ich saß bei gefühlten 50 Grad auf der Bank und wurde später eingewechselt. Beim Spiel kam von der Ersatzbank immer wieder: ‚Wir brauchen noch ein Tor!‘ Dann hörten wir wieder die Tribüne, dann den G-Block, das war ja alles eins. Ich war beim 3:1 einfach froh, getroffen zu haben, dass das Tor auch noch so schön war, habe ich in dem Augenblick gar nicht gemerkt. Alle Tore waren glänzend herausgespielt.

Ein guter Freund von mir hat am 29. Mai Geburtstag und war auch im Stadion dabei, alles war einfach perfekt. Wir haben uns dann von den Fans auf dem Feld durchschütteln lassen und abends mit der Mannschaft, Freunden und Sponsoren gefeiert und beim genauen Blick auf die Tabelle gesehen, wie eng das gewesen war. Es war eins der dramatischsten Spiele, die ich je mitgemacht habe. Schade nur, dass die Eintracht nächste Woche am 29. Mai nicht im Finale der Europa League ist, das hätte gepasst. Der 29. Mai ist einfach ein ganz besonderer Tag.“

Thomas Sobotzik, Torschütze des 2:1, Geschäftsführer und Vorstand Chemnitzer FC

„Von außen ist das vielleicht nicht nachzuvollziehen, aber wir haben schon an den Klassenerhalt geglaubt.“ - Thomas Sobotzik

„Als Jörg Berger damals Trainer wurde, erkannte er die Qualität der Mannschaft, setzte auf die richtigen Leute und redete uns stark. Auf Schalke zum Beispiel lagen wir 0:2 zurück, haben schlecht gespielt und waren mit dem Anschlusstor, das wir kurz vor der Halbzeit erzielt hatten, mehr als gut bedient. In der Pause sagte Jörg: ‚Jungs, läuft alles nach Plan, genau so habe ich mir das vorgestellt, die haben sich ausgetobt.‘ Und wenn das dann aufgeht, glaubt man dem Trainer alles. Es entwickelte sich eine Eigendynamik. Es gab zwar eine gewisse Anspannung, aber auch eine komplette Lockerheit, wir freuten uns auf die Spiele und hatten einfach Spaß. Von außen ist das vielleicht nicht nachzuvollziehen, aber wir haben schon an den Klassenerhalt geglaubt.

Beim Spiel selbst sagte Jörg öfter mal: ‚Alles nach vorne, alles zurück, alles nach vorne!‘ Ralf Weber, der ausgewechselt wurde, gab uns die wertvollsten Informationen in den Platz. Jan Åge sagte zum Schluss: ‚Ich glaube, das reicht nicht!‘ Aber wir hatten keine Panik oder Verzweiflung, es gab einfach das Verständnis auf dem Platz, dass wir halt noch ein Tor machen.

Ich kann mich mit meinen 44 Jahren an keine Bundesligasaison erinnern, bei der in der letzten halben Stunde gefühlt alle zwei Minuten eine andere Mannschaft abgestiegen ist. Es war ein unglaublicher Tag, der für immer in Erinnerung bleibt. Wobei die Eintracht noch andere denkwürdige Tage hatte, wie zum Beispiel gegen Reutlingen, als Alex Schur in der Nachspielzeit das 6:3 schoss. Die Eintracht ist auch deshalb ein besonderer Verein, weil es nie langweilig wird.“

Basti Red, Eintracht Frankfurt Podcast und Fußball 2000 Videopodcast

„Es war schon sehr, sehr kurios, keiner wusste, wie viele Tore benötigt wurden“ - Basti Red

„Das erste Mal im Stadion war ich 1988, ich habe also die großen Zeiten der Eintracht Anfang der Neunziger miterlebt. Dass sie gegen den Abstieg kämpfte, fühlte sich immer noch an wie ein Betriebsunfall. Die Hoffnung am 29. Mai war da; auch wenn Kaiserslautern in die Champions League wollte, war Hoffnung da. Für mich begann der Tag mit einer chaotischen Kartensituation: Wir waren eigentlich vier Freunde und hatten leider nur Karten für die Haupttribüne mit Sichtbehinderung. Zwei von uns haben versucht, andere Tickets zu bekommen, und so verloren wir uns in der Hektik. Ich hatte ein Radio dabei, das dieses Spiel nicht überlebt hat.

Beim 4:1 riss ein Rentner an meinem Arm und fragte: ‚Reicht das??‘, und ich rief: ‚Ich weiß es auch nicht!‘, und dann sagte Dirk Schmitt in der Radiokonferenz, dass wir noch ein Tor brauchen. Irgendwann haben auch die Reporter den Überblick verloren. Es war schon sehr, sehr kurios, keiner wusste, wie viele Tore benötigt wurden, ich glaube nicht, dass die Spieler ahnten, dass es noch genau ein Tor sein musste. Als ich Günther Koch mit den Worten ‚Wir melden uns vom Abgrund‘ im Radio hörte, war klar: Das 5:1 reicht.

Wir sind alle aufs Spielfeld – ohne dass es am nächsten Tag einen Aufschrei in den Zeitungen gab, auch kleine Kinder waren dabei – und ich nahm ein Stück vom Rasen mit. Das ist ein Tag, der in Erinnerung bleibt. Und Dirk Schmitts Ausruf ‚Herrje, welche Leistung!‘ aus der Konferenz ist heute ein geläufiger Begriff.“

Axel Hoffmann, Blogger, beveswelt.de

„Es ist ein Highlight für die Ewigkeit.“ - Axel Hoffmann

„Bei dreißig Grad im Schatten war ich mit meinen Freunden in einem der Stehblöcke, Andi hatte ein Transistorradio dabei. Bei dem Lärm, den alle machten, verstand man die Reporter kaum und musste sich das Radio direkt ans Ohr halten. Die letzten zwanzig Minuten vermengen sich zu einem einzigen sonnenheißen rotschwarzweißen Rausch, in den sich auch die Eintracht spielt, Tor um Tor erzielen sie, eines schöner als das andere. Doch Rostock trifft, danach der Club. Unfassbar, die Eintracht führt jetzt mit 4:1 und wäre dennoch weg vom Fenster – und dann kommt Fjørtoft! Welch Dramatik, welch ein Menschenknäuel und dazu der Radiokommentar von Dirk Schmitt für die Ewigkeit.

Es dauerte einen Moment, bis wirklich klar war, dass die Eintracht den Klassenerhalt geschafft hatte – und dann brachen alle Dämme. Nix wie runter aufs Spielfeld, die Freude war grenzenlos, einige säbelten am Tornetz, wir nahmen Rasenstückchen mit nach Hause. Die Berger Straße wurde inoffiziell in ‚Jörg Berger Straße‘ umgetauft.

Der 29. Mai 1999 war der größte Eintracht-Tag überhaupt. Heute bist du als Fan gewohnt, ohne Erfolg zu sein, vor zwanzig Jahren war das aber neu. Eine Saison davor wäre die Eintracht in der zweiten Liga fast auf einem Abstiegsplatz gewesen; dass wir dann so eine Nummer reißen war einfach unfassbar, so dramatisch war es vorher nie gewesen. In der vergangenen Saison gab es extreme Highlights auf einer ganze anderen Ebene. Das 5:1 wird ewig bestehen bleiben, keiner, der das erlebt hat, wird das je vergessen. Es ist ein Highlight für die Ewigkeit.“

Alexander Dionisius, Kommunikationsberater, ehemaliger Sportjournalist

„Das Schöne war, dass die Spieler so nahbar waren, wir wurden eingehakt und tanzten mit allen.“ - Alexander Dionisius

„Für mich war das 5:1 das erste Mal, dass man richtig was zu feiern hatte. Beim Pokalsieg 1988 war ich fast noch zu jung, ich bin erst ab 1989, 1990 regelmäßig ins Stadion gegangen, und 1992 war ja schon das Trauma von Rostock. An den 29. Mai 1999 kann ich mich gar nicht mehr genau erinnern, das vermischt sich mit dem 6:3 vier Jahre später. Ich weiß noch, dass ein Kumpel von uns auf Krücken ging und wir ihn nach dem Spiel über die Bande heben mussten, um auf den Rasen zu kommen. Abends war ich dann auf der Nichtabstiegsparty im Frankfurter Haus in Neu-Isenburg, bei dem eigentlich nur die Mannschaft, Freunde, Familie und Ehrenmitglieder eingeladen wurden, die Eintracht-Familie eben. Eine Freundin von mir kannte Fjørtoft, der ihr Bescheid gegeben hatte.

Fjørtoft guckte kurz komisch, als sie mit drei weiteren Freunden ankam, nahm uns aber auch mit rein. Wir haben ordentlich gefeiert, viel gesungen, auf den Bänken getanzt, man kann es sich vorstellen. Und ich hatte ein weißes Hemd an, auf dem mir die Spieler Autogramme gegeben haben. Das Schöne war, dass die Spieler so nahbar waren, wir wurden eingehakt und tanzten mit allen.“

Isabella Caldart, Autorin dieses Artikels
und auf dem Titelbild mit dem Torschützen zum 5:1, Jan Åge Fjørtoft, zu sehen

„Ein weiteres Highlight, das ich mit dem 5:1 verbinde, ist zehn Jahre später, da wurde das Spiel auf dem Würfel im Stadion nochmal gezeigt.“ - Isabella Caldart

„Ich war beim 5:1 mit meiner Freundin Sarah im G-Block. Wir waren noch sehr jung, ich gerade 13 geworden, sie noch 12, und standen zwischen diesen großen Männern. Ich erinnere mich vor allem an die Ernüchterung, als Kaiserslautern wegen eines Elfmeters den 1:0-Vorsprung ausgleichen konnte. Umso größer wurde die Euphorie mit jedem Tor, das die Eintracht schoss. Wer im Block ein Radio hatte, schrie, wo gerade ein Tor gefallen war. Das absolute Chaos, alle waren überdreht.

Als klar war, dass die Eintracht den Klassenerhalt geschafft hatte (und ausgerechnet Nürnberg abgestiegen war, das bereits Einladungen für die erste Liga verschickt hatte!), gab es kein Halten mehr. Sarah und ich nahmen nicht nur ein Stück vom Rasen und vom Tornetz mit, wir hatten auch das Glück, dass Ralf Weber sein Trikot direkt vor uns in die Menge warf. Wir kämpften mit ein paar Besoffenen darum, bis Sarah mit ihrem Schlüssel ein Stück absäbelte. Das haben wir heute noch.

Ein weiteres Highlight, das ich mit diesem legendären 5:1 verbinde, ist zehn Jahre später. Zu diesem ersten kleinen Jubiläum wurde das Spiel auf dem Würfel im Stadion nochmal gezeigt. Während der ersten Halbzeit des Interviews mit den anwesenden Spielern von damals, die Stimmung war locker. Zur zweiten Halbzeit änderte sich das: Die gesamte Tribüne fieberte mit, als handele es sich um eine Live-Übertragung, bei jedem Tor gab es erneut riesigen Jubel, obwohl wir ja wussten, wie es ausgehen würde. Dieser Nichtabstieg wurde mehr gefeiert als fünf Bayern-Meisterschaften zusammen. So ist die Eintracht, und so sind die Eintracht-Fans.“

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