Frankfurt noch weit vom Over-Tourismus entfernt

Die Anzahl der Besucher in der Stadt steigt jährlich, der Römerberg ist kaum mehr ohne Touristen vorstellbar. Für den örtlichen Tourismusverband ist das noch nicht genug. Doch wann wird der Anstieg zum Problem?

Frankfurt noch weit vom Over-Tourismus entfernt

Touristen, die ihr Smartphone und den Selfie-Stick zücken und sich vor den Fachwerkhäusern fotografieren, sieht man so gut wie immer auf dem Römerberg. In Gruppen werden sie von Reiseführern durch die Innenstadt geschleust und halten in der neuen Altstadt, am Dom oder dem Eisernen Steg, um mehr über die Stadt zu erfahren. Nicht selten stehen die Touristen den Einheimischen dabei im Weg, wenn die von A nach B kommen möchten. Und gefühlt werden es immer mehr. Ein Problem?

Fast 6 Millionen Gäste jährlich

Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren immer mehr Touristen nach Frankfurt gekommen. Hieß die Stadt im März 2018 noch rund 473.000 Menschen willkommen, waren es im selben Monat ein Jahr später gut 517.000 Besucher. Die meisten von ihnen kommen allerdings nach wie vor für Kongresse und Tagungen in die Mainmetropole. Im Jahr 2018 waren knapp 5,1 Millionen der Frankfurt-Besucher für die Arbeit in der Stadt. Die Gesamtzahl der Gäste lag bei 5,9 Millionen.

„Die Hotels sind noch nicht voll ausgelastet.“ - Sabine Gnau, Tourismus + Congress GmbH Frankfurt

Vertreter der Tourismus-Branche zeigen sich damit zufrieden, möchten aber noch mehr Touristen nach Frankfurt locken. „Die Hotels sind noch nicht voll ausgelastet“, sagt Sabine Gnau, Sprecherin der Tourismus + Congress GmbH Frankfurt. Vom sogenannten Over-Tourismus könne man folglich in Frankfurt noch nicht sprechen. Doch was bedeutet das überhaupt?

Wann wird es zu viel?

Eine Studie der Wissenschaftler Andreas Kagermeier und Eva Erdmenger von der Universität Trier schafft Klarheit. Dort wird die Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) zitiert. Die sagt, dass jede Stadt eine Tragfähigkeitsgrenze von Gästen an. Diese Grenze werde erst dann überschritten, wenn eine Maximalanzahl an Menschen, die eine Stadt zur selben Zeit besuchen, das physische, wirtschaftliche und soziokulturelle Umfeld zerstören und so die Aufenthaltsqualität vor Ort negativ beeinflussen.

Die Folgen: eine überlastete Infrastruktur, Lärm und ein Wandel im Dienstleistungsangebot und zu einer Nutzungskonkurrenz auf dem Wohnungsmarkt. Dies führe laut den Wissenschaftlern zu einer „emotionalen Wende der lokalen Bevölkerung von Enthusiasmus und Unterstützung des Tourismus hin zu Irritation“ - wie etwa in Venedig und dem kroatischen Dubrovnik. Diese emotionale Wende zeigte sich, wie die Wissenschaftler berichteten, auch in Berlin in Form einer politischen Veranstaltung mit dem Titel „Hilfe, die Touristen kommen“ und in der lokalen Berichterstattung der Medien.

„Insgesamt werden die Touristen als positiv für die Stadt angesehen.“ - Oliver Strank, Ortsvorsteher Innenstadt

In Frankfurt hat es solche Anzeichen noch nicht gegeben. Weder in den Medien wird die zunehmende Anzahl an Touristen als negativ bezeichnet, noch von örtlichen Politikern. Auch an die Tourismus + Congress GmbH sind bisher keine Beschwerden von Einheimischen herangetragen worden. „Die Frankfurter nehmen die Touristen wahr, aber empfinden sie nicht als störend“, so die Einschätzung von Gnau. Vielmehr zeigten die Frankfurter eine Willkommenskultur, seien weltoffen und gastfreundlich und würden sich über die Gäste freuen.

Diesen Eindruck hat auch Oliver Strank (SPD), Ortsvorsteher der Innenstadt. „Insgesamt werden die Touristen als positiv für die Stadt angesehen“, sagt der Politiker. Doch einzelne Beschwerden gebe es dennoch von Menschen, die in der Innenstadt wohnen. Manche finden, dass die Touristen im Stadtzentrum überhand nehmen und dass die Weiterentwicklung der Innenstadt mehr auf die Gäste als auf die Anwohner ausgerichtet ist. So gebe es in der Innenstadt wenige Möglichkeiten, um sich aufzuhalten ohne etwas kaufen zu müssen - gleichzeitig mangele es an Supermärkten.

Die Region profitiert

„Der Tourismus gehört damit zu den größten Arbeitgebern.“ - Oliver Quilling, Arbeitskreis Tourismus FrankfurtRheinMain

Dennoch scheinen die Anwohner auch zu wissen, dass sie von den Touristen profitieren. Wie eine Studie des Deutschen Instituts für Fremdenverkehr im Dezember 2018 herausfand, werden durch den Tourismus in der Rhein-Main-Region jährlich rund 10,98 Milliarden Euro brutto generiert. Diese Einnahmen kommen laut dem Vorsitzenden des Arbeitskreises „Tourismus FrankfurtRheinMain“, Oliver Quilling, allen Bewohnern zu Gute. So werden durch den Tourismus in der Region mehr als 174.000 Arbeitsplätze geschaffen. „Der Tourismus gehört damit zu den größten Arbeitgebern“, sagt Quilling.

„Der Tourismus ist eine klassische Querschnittsbranche, die viel mehr Menschen betrifft, als allgemein angenommen.“- Thomas Feda, Tourismus + Congress GmbH

Doch neben der Gastronomie und den Hotels profitiere auch der Einzelhandel sowie Freizeit- und Kultureinrichtungen von den Gästen. „Damit ist der Tourismus eine klassische Querschnittsbranche, die viel mehr Menschen betrifft, als allgemein angenommen“, sagte Thomas Feda, Geschäftsführer der Tourismus + Congress GmbH bei der Veröffentlichung der Studie.

Laut den Wissenschaftlern Kagermeier und Erdmenger stelle dieser wirtschaftliche Nutzen einen Teil der Abwägung dar, die Einwohner hinsichtlich steigender Besucherzahlen in ihrer Stadt vornehmen. Mit in die Rechnung werden noch die Lebensqualität in der Stadt und die Erlebnisqualität der Besucher genommen. Dabei spiele auch eine Rolle, ob die Einheimischen Rückzugsmöglichkeiten von den Touristen haben, und wie gleichmäßig der Anstieg der Anzahl an Touristen ist. Letzteres ist in Frankfurt recht konstant. (ab)

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