„Aktenzeichen XY...ungelöst“: Die tote Frau ohne Gesicht

In 53 Jahren „Aktenzeichen XY... ungelöst“ standen immer wieder Fälle aus Frankfurt im Mittelpunkt. Manche von ihnen konnten durch Zuschauerhinweise gelöst werden, andere sind bis heute ungeklärt. Wir stellen Euch einen dieser Fälle vor.

„Aktenzeichen XY...ungelöst“: Die tote Frau ohne Gesicht

Ob Betrug, Raub oder Mord: Seit 53 Jahren unterstützt das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) mit der Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ Ermittler dabei, Verbrechen aufzuklären. In mehr als 500 Episoden wurden seitdem über 4600 Fälle gezeigt. Auch Fälle aus Frankfurt standen immer wieder im Mittelpunkt der Sendung. Einer davon ist der Mord an einer unbekannten Frau, die in Heidelberg gefunden wurden - und deren Spur nach Frankfurt führte.

Die gesichtslose Leiche im Wald

Es ist der 7. Mai 1970 und in Heidelberg zieht es viele Menschen in die Natur. Sie wollen das Wetter genießen, spazieren gehen. So geht es auch einer Familie, die in der „Aktenzeichen“-Sendung vom 13. November 1970 gezeigt wird. Mutter, Vater und die beiden Söhne fahren auf den Königstuhl, einen Berg bei Heidelberg. „Keiner der Spaziergänger, die sich an diesem Tag über das schöne Wetter und die reizvolle Landschaft freuen, ahnt, dass der Königstuhl schon seit Monaten ein makaberes Geheimnis birgt“, sagt der Sprecher des Beitrags. Doch das Geheimnis soll bald gelüftet werden.

„Schau mal, Papa! Da wachsen Haare aus dem Boden.“ - Kind im Filmbeitrag

Als die Familie Pause macht, folgen die Kinder einem Eichhörnchen auf eine Lichtung. Dort machen sie eine kuriose Entdeckung - und rufen ihren Vater. „Schau mal, Papa, was ist denn das? Da wachsen Haare aus dem Boden“, sagt schließlich eines der Kinder. Als der Vater näher kommt und die Haare mit einem Ast anhebt, sieht er, was sich unter dem blonden Büschel verbirgt: der Kopf einer Frau.

Der rote Sportwagen aus Frankfurt

Nachdem die Familie die Polizei gerufen hat und die Beamten den Fundort fotografiert haben, wird die Leiche ausgegraben. Sie ist nackt, soll mehrere Monate in der Erde gelegen haben - und ihre Gesichtszüge sind kaum zu erkennen. Warum das so ist, wird sich erst Monate später herausstellen.

Obwohl die Beamten sich immer wieder vor der Auflösung ihrer Identität wähnen, finden sie nicht heraus, wer die tote Frau ist. Einen Hinweis, wie sie auf den Königstuhl gekommen ist, gibt es dagegen: Ein Passant will gesehen haben, wie Anfang Februar 1970 ein roter Sportwagen mit Frankfurter Kennzeichen in den Wald gefahren ist. Er habe den Wagen aus Neugier verfolgt und schließlich die Stelle gefunden, an der die Leiche später gefunden wurde. Dort war zu dem Zeitpunkt frisch gegraben worden.

„Ein Stück Kriminalgeschichte“

Eine wichtige Spur - doch sämtliche Ermittlungen der Kriminalpolizei laufen ins Leere. Der Besitzer des Wagens wird nicht gefunden. Deshalb wenden sich die Ermittler über „Aktenzeichen XY… ungelöst“ an das Fernsehpublikum. Sie nutzen ein zur damaligen Zeit neues kriminalistisches Verfahren, mit dem die Tote identifiziert werden soll: die Gesichtsrekonstruktion.

„Dieses künstliche Gesicht ist ein Versuch“ - Moderator Eduard Zimmermann

Die Plastik-Nachbildung des Gesichts der Toten inklusive Perücke ist die letzte Hoffnung der Ermittler. „Meine Damen und Herren, dieses künstliche Gesicht ist ein Versuch“, sagt Moderator Eduard Zimmermann in der Sendung. „In jedem derartigen Experiment steckt natürlich auch ein gewisses Risiko.“ Zur Sicherheit zeigen die Ermittler auch Skizzen der Toten im Profil und verschiedene Frisuren an der Plastik. Und das hat offenbar Erfolg.

In der Folgesendung vom 11. Dezember 1970 gibt Moderator Zimmermann den Ermittlungserfolg bekannt. Mehrere Angehörige hätten in der Plastik die Österreicherin Betty G. erkannt, die als Barfrau in „Hedi’s Bierbar“ in der Frankfurter Taunusstraße gearbeitet hatte. „Mit der Identifizierung dürfte die Heidelberger Kriminalpolizei ein Stück Kriminalgeschichte geschrieben haben“, sagt der Moderator in der Sendung.

Mit Salzsäure unkenntlich gemacht

Im Zuge der Ermittlungen stellt sich schließlich heraus, dass Betty von ihrem Freund und Chef, Barbesitzer Yossef L., getötet wurde. An der Straftat beteiligt war auch dessen Affäre, eine Animierdame in „Hedi’s Bierbar“: Ihr gehörte der rote Sportwagen.

Aber was genau war mit Betty passiert? Im Streit soll sie Yossef L. laut eines „Spiegel“-Artikels vom Dezember 1970 am Morgen des 7. Februar 1970 angeschrien und als „Drecksjuden“ beschimpft haben. Sie war in seine Wohnung gekommen, um geliehenes Geld zurück zu verlangen, und drehte durch, als sie die Animierdame in Unterwäsche dort entdeckte.

„Grausam durch Handkantenschläge, Fußtritte und Würgegriffe getötet“ - Staatsanwaltschaft

Doch Yossef L. schrie nicht zurück, sondern schlug zurück. Laut Staatsanwaltschaft hatte L. Betty „aus niedrigen Beweggründen grausam durch Handkantenschläge, Fußtritte und Würgegriffe getötet“. Mit Hilfe der Animierdame brachte L. Bettys Leiche wenige Tage später nach Heidelberg. Bevor er sie dort vergrub, schüttete er ihr Salzsäure ins Gesicht. Der Grund, warum Bettys Gesichtszüge beinah vollkommen verschwunden waren.

Am 11. Dezember 1973 fällt das Frankfurter Schwurgericht dann das Urteil. Wegen Totschlags an Betty G. muss Yossef L. 15 Jahre ins Gefängnis. Seine Komplizin Ilka P. wird zu acht Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von 5000 D-Mark verurteilt.

Vor kurzem haben wir Euch einen anderen Frankfurter Fall von „Aktenzeichen XY… ungelöst“ vorgestellt: Die Leiche im Flughafen-Parkhaus. (ps)

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