Was hinter der Verurteilung von Ali B. steckt

Ali B. wurde am Mittwoch zu einer lebenslangen Haftstrafe mit vorbehaltener anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. So begründete das Gericht die Entscheidung.

Was hinter der Verurteilung von Ali B. steckt

„Alleine Sie tragen die Verantwortung für Ihre Taten“, hatte Richter Jürgen Bonk am Mittwochmorgen mehrmals in Richtung des Angeklagten, Ali B., gesagt. B., der sich seit März vor dem Wiesbadener Landgericht unter anderem wegen Vergewaltigung, Mord, Raub und schwerer Körperverletzung verantworten muss, hatte an vorangegangenen Verhandlungstagen immer wieder nach Schuldigen gesucht. Schuldigen für seine unvorstellbare Tat.

Die Kammer des Landgerichts ist sich sicher, dass B. die 14-jährige Mainzer Schülerin Susanna F. belästigt, vergewaltigt, ermordet und in einem Erdloch vergraben hat. Daran ließ Bonk am Mittwoch keine Zweifel aufkommen. Zwar hatte B. den Mord bereits vor dem eigentlichen Prozess gestanden, die Vergewaltigung bestreitet er aber bis heute. Es sei „einvernehmlicher Sex“ gewesen, zwischen Susanna und ihm.

Erklärungen des Angeklagten nicht plausibel

„Man braucht schon viel Phantasie, zu glauben, dass es einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gab.“ - Richter Jürgen Bonk

„Man braucht schon viel Phantasie, zu glauben, dass es einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gab“, so Bonk. „Und dazu reicht meine nicht aus.“ Der abgelegene Ort, die Art, wie die Mutter und Freundinnen von Susanna das Opfer beschrieben und die Beziehung des Angeklagten zu seinem späteren Opfer, sprechen gegen Bs Schilderungen. Zeuginnen berichten, Susanna habe sich vor Ali geekelt, sie habe Angst vor ihm gehabt. Nicht nur der Richter konnte sich daher nicht vorstellen, dass sie nachts auf einem abgelegenen Feld freiwilligen Sex mit ihrem späteren Mörder hatte.

Auch die Erklärung des Angeklagten, wie es zu dem Mord kam, sei für das Gericht völlig abwegig. B. hatte behauptet, dass Susanna nach dem einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gestürzt sei und sich dabei eine blutige Wunde zugezogen habe. Daraufhin habe sie B. gedroht, zur Polizei zu gehen.

Von langer Hand geplant

Vielmehr war die Kammer sich sicher, dass B. die Tat — zumindest die Vergewaltigung der 14-Jährigen — von langer Hand geplant habe. Wiederholt habe er verschiedenen Personen erzählt, dass er Sex mit Susanna haben wollte. Er habe Freunde sogar angewiesen, ihn sofort anzurufen, wenn sie Susanna irgendwo sehen. „Er hat geglaubt, er kann sie einfach benutzen“, so Bonk. Den Verlauf des Tattages habe B. dann so beeinflusst, dass er am Ende sein Ziel erreichen werde.

„Ich habe doch nur ein Mädchen totgemacht.“ - Ali B.

Ali B. habe die schutzlose Lage Susannas ausgenutzt. In einem abgelegenen Feld um 1 Uhr nachts habe das Mädchen gar keine Chance gehabt, sich dem körperlich überlegenen Täter zu entziehen. „Dieses aussichtslose Szenario haben Sie bewusst geschaffen“, so Bonk in Richtung des Angeklagten. Diese Faktoren untermauerten die besondere Schwere der Schuld, die B. zugeschrieben wird. Außerdem bringe die Tat die Einstellung des Täters zutage: Er verachte liberale, westlich lebende Frauen. Er sehe sie als minderwertig an und auch seine Aussage „Ich habe doch nur ein Mädchen totgemacht“ untermauerte dies.

Heimtücke und Verdeckung einer Straftat als Mordmerkmale

Auch die Tatsache, dass B. sein Opfer bewusst getötet habe und sich über die Auswirkungen seines Handels im Klaren war, sah das Gericht als gegeben an. Auch hier wiegt die Schuld schwer. Susanna habe vor B. gesessen, nachdem dieser sie vergewaltigt habe. Da habe sie den Entschluss gefasst, zur Polizei zu gehen. Völlig unvermittelt habe B. sie dann gewürgt. Das Mädchen war ohne eine Chance, sich dem Griff zu entziehen.

Die Tötung sei dann mit direkter Absicht erfolgt, in der Absicht, seine vorangegangene Straftat zu verdecken. Sie sei heimtückisch erfolgt und habe die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausgenutzt. „Susanna hat nicht damit gerechnet, ihre Hose war noch offen und sie saß auf dem Boden“, so Bonk.

Gestorben war Susanna letztendlich an der unterbrochenen Blutzufuhr. Es ist nicht klar, ob das Würgen dafür verantwortlich war, oder die Jacke, die in einem Umfang von nur acht Zentimetern um den Hals der Schülerin geknotet war.

„Eine Entlassung nach 15 Jahren wäre unangemessen.“ - Richter Jürgen Bonk

Besondere Schwere der Schuld

Dass Ali B. nach seiner Haftstrafe nach 15 Jahren frei kommt, ist so gut wie ausgeschlossen. „Es wäre unangemessen“, kommentierte Bonk am Mittwoch. Die Taten des Irakers zeigten einmal mehr, was bereits eine Gutachterin attestierte: B. geht es nur um die Befriedigung seiner eigenen, unmittelbaren Bedürfnisse. So sei auch nicht davon auszugehen, dass sich seine „menschenverachtende Grundeinstellung“ in Zukunft ändern werde.

Ob es darüber hinaus zu einer Sicherungsverwahrung kommt, müsse geprüft werden. Richter Bonk erklärte, dass dafür die Feststellung des Hangs zur Begehung weiterer Straftaten feststellbar sein müsse. Dafür gebe es zwar viele Anhaltspunkte, andererseits sei der 22-Jährige aber auch noch sehr jung. Dass dieser Hang aber sehr wahrscheinlich sei, darin war sich die Kammer sicher.

So sei nicht auszuschließen, dass B. weitere Straftaten, auch Morde begehen könne. Eine Therapie könnte helfen. Sie könnte aber auch alles noch schlimmer machen. Wie das Gericht urteilte, sei die Begehung weiterer Straftaten gut möglich. Dabei könne es jeden treffen. Auch Susanna sei mehr oder weniger ein Zufallsopfer gewesen. Jeder, der in den Fokus von Ali Bs Bedürfnisbefriedigung geriete, sei demnach auch ein potenzielles Opfer. Die Frage, die es zu klären gelte sei nun: Ist diese Neigung so fest verwurzelt, dass sie nicht behandelbar ist? (ms)

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