Alltagsrassismus in der Stadt der 177 Nationen

Frankfurt hat statistisch gesehen mehr als 50 Prozent Migrationsanteil. Wenn Fremdenfeindlichkeit auftritt, ob bei Demos oder Äußerungen, stellen sich tausende Menschen dagegen. Trotzdem erfahren täglich Menschen Rassismus.

Alltagsrassismus in der Stadt der 177 Nationen

Er kann unzählige Geschichten erzählen. Es sind Geschichten, von denen könnte man annehmen, dass sie im 21. Jahrhundert in einer Stadt wie Frankfurt nicht existieren würden. Ein Lehrer habe in der Klasse alle sechs Schüler, die nicht deutscher Herkunft waren, gefragt, warum sie in diesem Land seien. „Alle haben geantwortet, bis auf eine, die hat gesagt, dass es ihn nichts angeht.“ Auch habe der Lehrer über „Neger“ gesprochen. Ein Mitschüler habe ihn nach der Stunde gefragt, warum er darauf nicht reagiert habe. „Ich bin keiner, das ist für mich ein Begriff für Sklaven und ich bin kein Sklave“, habe er geantwortet.

Auch ein Busfahrer, mit dem er vorher eine kleine verbale Auseinandersetzung gehabt hatte, habe ihn aus seiner Fahrerkabine mit dem gleichen Wort beschimpft. Über den ganzen Vorplatz des Westbahnhofs habe man die mehrfache Wiederholung der Beleidigung gehört.

Kampagne möchte auf Rassismus aufmerksam machen

„Das ist Alltag in Frankfurt, aber die Leute reden nicht darüber.“ Er sitzt an diesem Tag in den Räumen der Bildungsstätte Anne Frank. Viel Zeit hat er nicht, aber es wäre wohl egal, wie lange wir beisammen sitzen würden, die Geschichten gingen ihm wohl nie aus. Er ist einer von vielen, die täglich solche Begegnungen haben, doch er will es nicht überhören. Deshalb ist er Teil einer Kampagne von Response, einem Angebot der Bildungsstätte.

„Schau mal, da sind die beiden Baumwollpflücker.“

An Response können sich Menschen wenden, die Erfahrungen mit rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt gemacht haben. Er, der zwar seine Stimme erhebt, trotzdem nicht genannt werden möchte, kam zu dem Projekt, als er an seinem Arbeitsplatz Rassismus erlebt hat. Gemeinsam mit einem Kollegen, der ebenfalls eine dunkle Hautfarbe hat, saß er auf der Terrasse des Pausenraums. Im Raum standen Kollegen beieinander. Einer habe gesagt: „Schau mal, da sind die beiden Baumwollpflücker.“ Als er davon erfuhr, ging er zu seinem Chef. Er wollte, dass diese Aussage Konsequenzen für den Kollegen hatte. „Die Reaktion meines Chefs war kalt“, erinnert sich der 35-Jährige.

Beschwerdebrief an den Arbeitgeber

Er habe zwar mit dem Kollegen gesprochen, dieser habe aber gesagt, dass es nur ein Scherz gewesen sei und er mit dem anderen Kollegen häufiger solche Witze mache. Damit sei das Thema für den Chef erledigt gewesen. „Das hat mir weh getan“, sagt er. Im Internet und beim Amt für multikulturelle Angelegenheiten (Amka) habe er sich informiert, was man dagegen tun könne. So landete er schließlich bei Response.

Gemeinsam mit einer Beraterin von Response schrieb er einen Beschwerdebrief an die Zentrale der Firma. Das war im Februar. Im Mai kam die telefonische Antwort auf den Brief. Man bedauere den Vorfall und spreche mit den Mitarbeitern. Er selbst hatte zwischenzeitlich gekündigt.
Erlebnisberichte wie diese sind Alltag für die Mitarbeiter von Response. Seit 2016 gibt es die Anlaufstelle. „Aktuell haben wir 32 Beratungsnehmer, sechs Fälle aus dem letzten Jahr und 26 aus diesem.“ Angélica Reyes ist eine der Beraterinnen, die bei Response arbeitet. Bei der Beratungsstelle gehe es in erster Linie um eine psychosoziale Beratung von Betroffenen.

Mit Video gegen das Wegschauen

„Rassismus ist ein tief verankertes gesellschaftliches Problem.“ - Angélica Reyes, Beraterin von Response

„Wir sind dabei parteiisch aufseiten der Betroffenen“, sagt Reyes. Damit macht Response einen Unterschied zu vielen anderen Beratungsstellen. Es geht darum, den Beratungsnehmern, wie sie intern genannt werden, zu zeigen, dass jemand ihre Erfahrungen ernst nimmt. „Es ist kein Problem Einzelner, sie sind nicht alleine mit ihren Erfahrungen“, sagt Reyes. Doch wieso gibt es in einer Stadt wie Frankfurt, in der rund 170 Kulturen zusammenleben, überhaupt Rassismus? „Rassismus ist ein tief verankertes gesellschaftliches Problem“, erklärt Reyes. Man merke aber schon, dass ein rechter Diskurs wieder salonfähiger geworden sei.

Deshalb hat Response im April dieses Jahres ein Video veröffentlicht, in dem verschiedene Situationen von Alltagsrassismus gezeigt werden. Die Beratungsstelle möchte sich damit bekannter machen. Viele Menschen akzeptierten noch immer, dass sie rassistisch beleidigt werden. Diejenigen, die es nicht tun, haben ihre eigenen Handlungsstrategien, bei denen Response bei Bedarf Unterstützung leistet. Die Beratungsstelle will zeigen, dass rassistische Gewalt kein Problem Einzelner ist und es die ganze Gesellschaft angeht.

Man darf es nicht als normal ansehen

„In allen Fällen geht es um Rassismus von weißen Deutschen.“ - Angélica Reyes, Beraterin von Response

Aktuell beschäftigen sie viele Fälle von Rassismus am Arbeitsplatz und in der Schule. Aber auch Betroffene von Rassismus auf der Straße, an Bahnhöfen und bei Polizeikontrollen haben sich an die Beratungsstelle gewandt. „In allen Fällen geht es um Rassismus von weißen Deutschen“, sagt Reyes. Wenn die Beratungsnehmer das möchten, bietet Response auch Unterstützung bei Behördengängen, Anzeigen oder Beschwerdebriefen.

„Bis ich nach Deutschland kam, kannte ich Rassismus nur aus dem Fernsehen, wenn es Berichte über die Apartheid in Südafrika gab.“

Sein Anliegen ist es, dass über Rassismus nicht geschwiegen wird. Man dürfe es nicht als normal ansehen. „Bis ich nach Deutschland kam, kannte ich Rassismus nur aus dem Fernsehen, wenn es Berichte über die Apartheid in Südafrika gab“, erinnert er sich. In seiner Kindheit seien alle Menschen willkommen gewesen. Das gleiche möchte er auch für sein Zuhause in Frankfurt.

Hintergrund: Das Angebot von Response richtet sich an alle Menschen, die von rechtsextremer, rassistischer, antisemitischer, antimuslimischer oder antiziganistischer Gewalt betroffen sind. Das Team berät, vermittelt, informiert und begleitet Betroffene, Angehörige und Freunde sowie Zeugen eines Angriffs. Unter Gewalt verstehen sie: Beleidigung und Beschimpfung, Stigmatisierung, Bedrohungen, Körperverletzung, Sachbeschädigung und andere Erfahrungen, die als gewalttätig erlebt werden. Die Beratung ist unabhängig, vertraulich, auf Wunsch anonym und kostenfrei. Den Kontakt zu Response findet Ihr hier.

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