Warum auch Frauen Männer stalken

Beim Stalking wird meist von Männern als Tätern und Frauen als Opfern berichtet. Doch vor Kurzem wurde eine Frau vor dem Amtsgericht Frankfurt angeklagt, einem Mann monatelang massiv nachgestellt zu haben. Aber was sind die Motive von Stalkerinnen?

Warum auch Frauen Männer stalken

Erst kürzlich sorgte ein Fall vor dem Amtsgericht Frankfurt für viel Aufsehen: Eine Frau soll einem Arbeitskollegen massiv nachgestellt haben. Über mehrere Monate hinweg soll die Angeklagte den Mann bis zu 30 Mal pro Tag kontaktiert haben. Als die Frau den Mann eines Tages auch beim Einkaufen in der Innenstadt verfolgt haben soll, schaltete er einen Ladendetektiv ein und erstattete Strafanzeige.

„Es gab 25 weibliche Tatverdächtige, aber vergleichsweise noch immer mehr männliche mit 92 Tatverdächtigen.“ - Annegret Kaus, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums

In Frankfurt wurden im Jahr 2017 insgesamt 146 Fälle der Nachstellung registriert. Unter den 123 ermittelten Taten waren 104 Männer und 19 Frauen wie die Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Annegret Kaus mitteilt. Im Jahr 2018 konnten von 141 Fällen, 117 Tatverdächtige ermittelt werden. Dabei ist ein leichter Anstieg bei den Frauen festzustellen: „Es gab 25 weibliche Tatverdächtige, aber vergleichsweise noch immer mehr männliche mit 92 Tatverdächtigen“, sagt Kaus. Bei so niedrigen Zahlen sei der Anstieg aber nicht aussagekräftig. Prinzipiell sei es aber schwer, verlässliche Zahlen zu nennen, da sich viele nicht an die Polizei wenden und es mit sich selbst ausmachen würden.

Besonders schwere Fälle der Nachstellung werden vom Kommissariat 12 bearbeitet. Seit 2017 gab es drei besonders schwere Fälle, darunter ist eine Frau als Täterin in Erscheinung getreten, sagt Kaus.

Motive des Stalkens begründet in der Kindheit

„Solche Personen möchten um jeden Preis die Beziehung oder die erdachte Beziehung aufrechterhalten.“ - Justine Glaz-Ocik, Kriminalpsychologin

Aber warum Stalken Menschen überhaupt? Stalking ist an sich keine psychische Erkrankung, sondern ein Verhalten, so Kriminalpsychologin Justine Glaz-Ocik vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Stalking-Verhalten würden Personen aufweisen, die in ihrer Kindheit nicht gelernt haben mit Zurückweisung, Trennung und Kränkungen umzugehen. „Solche Personen möchten um jeden Preis die Beziehung oder die erdachte Beziehung aufrechterhalten“, so Glaz-Ocik. „Es ist ein Bindungsverhalten der Personen, sie versuchen eine Form von Beziehung aufzubauen, um ihren eigenen Selbstwert zu stabilisieren.“

Ergänzend dazu nennt Polizeisprecherin Kaus als Beweggrund, dass viele Menschen über nicht erwiderte Liebe enttäuscht sind und deshalb anderen nachstellen. Feststeht, dass Stalkerinnen aus den selben Motiven heraus wie Männer agieren, wie die Kriminalpsychologin erläutert. Zu diesem Ergebnis seien auch viele internationale Studien über weibliche Stalker gekommen.

Aber es werde nicht immer eine Liebesbeziehung angestrebt. Es könne auch eine Form der Rache oder Genugtuung sein, jemanden zu stalken. Wichtig ist in diesem Kontext, dass der Kontakt einseitig ist und vom Stalker ausgeht, erklärt die Kriminalpsychologin. Die andere Person empfinde es als unerwünscht und kommuniziere auch, dass sie den Kontakt nicht möchte.

Direkte und indirekte Formen von Stalken

Dabei ist der Übergang von eher harmlosem Nachstellen bis zum gefährlichen Stalken fließend, wie Kaus sagt. Ausschlaggebend sei der Leidenseindruck des Geschädigten. Wenn seine persönliche Schwelle des Erträglichen überschritten sei, entschließe sich der Betroffene zur Anzeigeerstattung. Bestraft werden Personen, die andere Personen insoweit nachstellen, dass deren Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt wird, so Kaus.

Dazu zählten unter anderem beharrlich die räumliche Nähe der Person aufzusuchen, unter Verwendung von Kommunikationsmitteln penetrant Kontakt zu dieser Person herzustellen oder dieser Person mit Gewalt zu drohen. Neben dieser direkten Form des Stalkings gebe es auch indirekt gerichtete Formen. Beispielsweise, wenn Stalker über Dritte versuchen die Person zu erreichen oder ihr Geschenke zuzuschicken. Dass aber Stalking-Fälle überhaupt vor Gericht kommen, ist selten, weil die Voraussetzungen sehr hoch sind, die für einen Tatbestand erfüllt werden müssen, so die Frankfurter Oberstaatsanwältin Nadia Niesen.

Auch Frauen sind Stalker

„Stalking ist aber kein geschlechtsspezifisches Verhalten, auch wenn das die meisten denken.“ - Justine Glaz-Ocik, Kriminalpsychologin

Internationalen Studien zufolge ist das Verhältnis bei angstauslösendem und langanhaltendem Stalking bei den Geschlechtern unausgeglichen. So sind 80 Prozent der Täter männlich, während 20 Prozent weiblich sind. „Stalking ist aber kein geschlechtsspezifisches Verhalten, auch wenn das die meisten denken“, so Glaz-Ocik. Diese allgemeine Vermutung kommt daher, dass sich Frauen häufiger an Beratungsstellen und Polizei wenden. Demnach schreiben viele Menschen den Männern die Stalking-Täterrolle und Frauen die Stalking-Opferrolle zu.

„Gewalt gegen Männer ausgehend von Frauen ist nach wie vor ein Tabuthema.“ - Justine Glaz-Ocik, Kriminalpsychologin

„Gewalt gegen Männer ausgehend von Frauen ist nach wie vor ein Tabuthema“, erklärt Glaz-Ocik das Phänomen. Das hänge wiederum mit den Geschlechterrollen zusammen. „Und damit, dass es vergleichsweise weniger Beratungsangebote für Männer gibt.“ Außerdem hänge das auch mit der Schwierigkeit zusammen, dass Männer seltener an Stalking-Befragungen teilnehmen würden, sodass es zu Verzerrungen bei den Ergebnissen von Studien kommt. Auch in der Öffentlichkeit werde das Thema, dass auch Männer Stalking-Opfer sein könnten, nicht ausreichend behandelt.

Egal ob nun Mann oder Frau Opfer von Stalking sind - bei den Tätern handelt es sich oftmals um Bekannte. Das bedeutet: Stalker und Stalking-Opfer kannten sich meist vorher. „Es ist eher selten, dass Fremde gestalkt werden. Wenn, dann nur im prominenten Umfeld“, so die Kriminalpsychologin. (ab)

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