Illegales Protest-Camp im Wasserturm wird geräumt

Der Frankfurter Designer und Aktivist Radames Eger hatte im Gallusviertel einen alten Wasserturm besetzt und zu einer illegalen Unterkunft für Obdachlose umfunktioniert. Jetzt muss er gehen.

Illegales Protest-Camp im Wasserturm wird geräumt

Radames Eger hat eine Vision. Von einer gerechten Gesellschaft, in der die Menschen miteinander sprechen, Rücksicht aufeinander nehmen, füreinander sorgen. Nun hat er einen Rückschlag erlitten. In einem alten Wasserturm im Gallusviertel hatte der Künstler und Aktivist eine illegale Zuflucht für Obdachlose eingerichtet. Das Grundstück, auf dem der Turm steht, gehört seit 2016 dem Frankfurter Grünflächenamt. Dort hat man sich dafür entschieden, Egers Vorhaben ein Ende zu setzen. Am Montag wird der Turm geräumt, Eger und die Obdachlosen müssen das Gebäude verlassen.

Keine geeignete Unterkunft

„Ich habe am vergangenen Donnerstag mit dem Grünflächenamt gesprochen und sie um eine Woche Fristverlängerung gebeten, damit ich meine Sachen hier in Ordnung bringen kann“, sagt Eger. Die zuständige Mitarbeiterin habe ihm jedoch mitgeteilt, er müsse den Turm am Montagmorgen verlassen. Seine Sachen könne er ein anderes Mal abholen, falls er es nicht schaffen sollte, sofort alles mitzunehmen. „Sie haben gesagt, der Turm sei für Menschen kein geeigneter Ort zum Leben. Ich musste meinen Straßenbrüdern sagen, dass sie ab heute woanders schlafen müssen“, erzählt Eger.

„Laut Bauaufsicht ist der Turm für eine Unterbringung ungeeignet“ - Susanne Schierwater, Verantwortliche Grünflächenamt

Bei der Behörde hatte man offenbar noch bis Anfang Februar keine Kenntnis von Egers Aktivitäten. „Noch im Januar konnten unsere Mitarbeiter keine Anzeichen einer Nutzung erkennen. Der Turm war offiziell verschlossen“, erklärt Susanne Schierwater vom Grünflächenamt. Erst durch eine Zeitungsmeldung seien sie auf Eger und sein Obdachlosen-Camp aufmerksam geworden. „Laut der Frankfurter Bauaufsicht ist der Turm für eine Unterbringung ungeeignet“, sagt Schierwater.

So seien beispielsweise die geltenden Brandschutzbestimmungen nicht erfüllt, da es nur einen einzigen Ausgang gebe. Verletze sich jemand, hafte das Grünflächenamt. Darüber hinaus seien die hygienischen Zustände unzumutbar. Im Obergeschoss des Turms seien Taubenkot und mehrere tote Vögel entdeckt worden. Alle Fenster seien kaputt, die Überreste von Glas stellten eine Gefährdung dar. Auch gebe es im Turm keine Wasserversorgung, keine sanitären Anlagen mit Kanalanschluss sowie keine Heizung und oder Beleuchtung. Eine Räumung ist aus Sicht des Amtes daher unumgänglich.

Ein vom Verfall bedrohtes Wahrzeichen

Das sehen nicht alle in Frankfurt so. Ein lokaler Akteur, der sich mit Eger solidarisiert hat, ist der Frankfurter Kunst- und Kulturverein Horst. „Radames Eger hat sich mit seiner Turmbesetzung für die Obdachlosen in dieser reichen Stadt eingesetzt“, sagt Lolek Lorey, Betreiber des Horst und selbst langjähriger Bewohner des Gallus. Lorey engagiert sich seit mehr als 20 Jahren im Stadtteil. „Ich bin sehr am sozialen Miteinander aller Bewohner interessiert“. Neben der Fürsorge für die Obdachlosen erfüllt Egers Besetzung aus Loreys Sicht noch eine andere Funktion: „Der Wasserturm war für mich immer eine Art Wahrzeichen und als letztes Überbleibsel vom Güterbahnhof mittlerweile ein Denkmal.“

„Mit Radames Aktion hätte eine sinnvolle Nutzung des Turmes gewährleistet werden können“ - Lolek Lorey, Betreiber des Horst

Nicht nur aus nostalgischer Sicht, sondern auch offiziell steht der Turm unter Denkmalschutz, wie Janine Sempf vom Denkmalamt Frankfurt erklärt. Aus Loreys Sicht kommen die Behörden ihrer daraus resultierenden Verantwortung zur Instandhaltung des Gebäudes jedoch nicht nach. Er habe aus dem Turm ursprünglich einen gemeinsamen Treffpunkt für Bewohner des Gallus und des Europaviertels machen wollen, damit beim Ortsbeirat allerdings kein Gehör gefunden, ärgert sich Lorey.

Vor zehn Tagen habe er erfahren, dass Eger den Turm besetze und gehört, dass das Hauptproblem sei, dass es dort weder eine Toilette, noch Wasser gebe. „Meine Freundin und ich haben daraufhin direkt ein Dixi-Klo bestellt“, erinnert sich der Betreiber des Horst. Sie hätten Eger angeboten, ihn mit einer Spenden-Aktion zu unterstützen. Am Donnerstag habe ihm Eger dann von der angekündigten Räumung erzählt. „Mit Radames Aktion hätte eine sinnvolle Nutzung des Turmes gewährleistet und einem Zerfall des Kulturdenkmals entgegengewirkt werden können“, findet Lorey. Leider habe sich das Grünflächenamt nun dazu entschlossen, Eger und seine Mitstreiter aus dem Turm zu vertreiben und diesen „wieder den Tauben und der Witterung zu überlassen“. Den Obdachlosen ihre Unterkunft zu nehmen, empfindet er als kaltherzig.

Eger seinerseits möchte in Frieden gehen. „Ich schaffe es nicht länger, alleine zu kämpfen. Meine Aufgabe als Künstler ist es, eine Verbesserung der herrschenden Zustände zu bewirken“, erklärt er. Trotz der Niederlage ist er stolz auf das, was er bisher erreicht hat. Jetzt will Eger erst einmal Urlaub machen - um Kraft zu sammeln für sein nächstes Projekt: einen Nähkurs für Obdachlose.

(lo)

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