Bundeswehr sorgt mit neuer Werbung in Frankfurt für Aufregung

Neue Werbeplakate sorgen für Trubel in Frankfurt: Denn was jeder zuerst als vermeintliche Kino- oder Gamer-Werbung hält, entpuppt sich als clevere Kampagne der Bundeswehr, um neue Soldaten zu werben.

Bundeswehr sorgt mit neuer Werbung in Frankfurt für Aufregung

Neue Werbeplakate sorgen für Trubel in Frankfurt: Denn was jeder zuerst für vermeintliche Kino- oder Gamer-Werbung hält, entpuppt sich als clevere Kampagne der Bundeswehr, um neue Soldaten zu werben. Die neuen Bundeswehr-Plakate in Frankfurt werden nur auf den zweiten Blick auch als solche erkannt. Viele Leute kritisieren deshalb die neue Werbekampagne der Bundeswehr und das Projekt dahinter.

Soldaten werden als Helden dargestellt

Soldaten in Heldenpose, aufwendige Grafik, auffälliger Titel. Das Interessante daran, es handelt sich hier nicht etwa um einen neuen Action-Blockbuster mit Sylvester Stallone oder das neueste Call of Duty-Game - vielmehr ist es Werbung der Bundeswehr. Darauf lässt nur das Logo am unteren Rand des Plakates schließen: Auf diese Art will die Bundeswehr neue Soldaten rekrutieren.

Geniale Idee oder schon fragwürdig? - Das ist hier die Debatte. Denn die Plakate und die dazugehörige Youtube-Serie sorgen für mächtig Diskussionsstoff. Es scheint als wolle die Bundeswehr ihr Image polieren, als Heldenepos . Dabei sind viel dramatische Filmmusik, gut inszenierte Soldaten, viel Dreck und Wüste, Militärfahrzeuge und Hubschrauber im Spiel.

Der Trailer zur neuen Serie „Mali“ macht Lust auf mehr. Mehr Action, mehr Abenteuer, aber lässt den Kriegsaspekt scheinbar außen vor. Irgendwie liegt der Verdacht nahe, dass mit einem falschen Bild Jugendliche geworben werden. Die Plakate und die Serie versprechen jedenfalls spannende und aufregende Erlebnisse.

Von Krieg und Gefahr kaum ein Wort

"Der Gefahrenaspekt vom Krieg wird komplett unter den Tisch gekehrt." - Dominik Brück, ehemaliger Oberleutnant

Der ehemalige Oberleutnant Dominik Brück beobachtet die Werbung der Bundeswehr schon seit einiger Zeit und betrachtet diese kritisch: „Meiner Meinung nach sollte sich die Bundeswehr von dem Wehrmachtsmythos lösen.“ Für den 31-jährigen Journalisten erweckt die neue Kampagne den Eindruck, als wolle die Bundeswehr aus einem „Abenteueraspekt heraus jüngere Bewerber ansprechen“. Diese Form der Werbung sei laut Brück in Deutschland relativ neu, in anderen Ländern gäbe es sie schon seit Jahrzehnten.

„Sicherlich hängen die aktuellen Werbemaßnahmen auch mit der Abschaffung der Wehrpflicht zusammen.“ - Dominik Brück, ehemaliger Oberleutnant

Brück selbst war über neun Jahre bei der Bundeswehr tätig; Zeiten, in denen die Situation noch ein bisschen anders war: „Sicherlich hängen die aktuellen Werbemaßnahmen auch mit der Abschaffung der Wehrpflicht zusammen.“ Allerdings gebe es vorrangig ein Problem: der Gefahrenaspekt des Krieges würde komplett unter den Tisch gekehrt. Der ehemalige Soldat wünscht sich vielmehr, dass die Werbung ehrlich sei und „realistisch berichtet, was auf die Leute zukommt.“

Für Brück, der den Auslandseinsatz verweigerte, bildete schon die erste Bundeswehr-Serie „Die Rekruten“ Aspekte wie Tod und Krieg nur am Rande ab. Bei den Werbekampagnen der Bundeswehr sieht er vor allem zwei Probleme: „Erstens wird suggeriert, dass die Werbung und die Serien die Wirklichkeit abbilden, sie das aber nicht umfassend tun. Und zweitens, wirkt alles von der Machart her so, als seien es journalistische Dokumentationen, aber sie bilden nur einen Teil der Wirklichkeit ab.“

Kritische Dokumentation oder Verherrlichung?

Auch auf inhaltlicher Ebene lassen sich Kontroversen erkennen. Die Situation in Mali wird im Video scheinbar zunächst kritisch und realistisch eingeschätzt. Ein Oberstleutnant erklärt, dass es dort fast täglich Anschläge gibt. Der Tod vieler UN-Soldaten und vor allem auch zweier Bundessoldaten wird zwar nicht verschwiegen, erscheint jedoch zunächst nur als Untertitel im Einführungsvideo. Im Video heißt es: „Die Menschen vor Ort brauchen Schutz vor Terror, Schutz vor Kriminalität.“ Und: „Der Grund, warum wir alle hier sind, ist Schutz der Zivilbevölkerung. Nahezu täglich sind Anschläge, hier sterben Menschen jeden Tag einen gewaltsamen Tod und es sind leider auch immer wieder UN-Soldaten dabei.“ Also vielleicht doch eine kritische Dokumentation?

Dieser Eindruck verschwindet wieder in der nächsten Szene. Es folgen viele Hubschrauber-Nahaufnahmen und der Oberleutnant verdeutlicht, dass die Bundeswehr bestens ausgestattet sei, viele Nationen könnten da nicht mithalten. Besonders der Tiger-Kampfhubschrauber wird gelobt, dabei starben vor drei Monaten genau in solch einem Hubschrauber zwei deutsche Soldaten, aufgrund technischen Versagens.

Christoph C. war als Soldat im Einsatz in Afghanistan und hat die Kriegssituation vor Ort miterlebt. Er sieht das Projekt der Bundeswehr positiv: „Ich finde das gar nicht mal schlecht, was die da machen. Es gewährleistet einen sehr guten Einblick in das tägliche Leben eines deutschen Bundeswehr Soldaten, der im Ausland seinen Dienst verrichtet.“ Für den Mainzer sei die Werbung dabei nicht kriegstreiberisch, sondern ein Rekrutierungsprogramm nach dem Vorbild der USA oder Frankreich: „Ich finde die Idee gut, weil man einen direkten Einblick in das Soldatenleben bekommt. Es ist zwar schön ausgeschmückt, aber dennoch realistisch.“

Konkurrenzdruck und Marketingstrategie

"Was die Bundeswehr braucht, ist eine Image-Kampagne. Oder plötzlichen Weltfrieden zur totalen globalen Abrüstung." - Andreas Grosse-Coosmann, Marketing Direktor und Ex-Soldat

Eine ähnliche Meinung vertritt auch Andreas Grosse-Coosmann, ehemaliger Marine-Soldat aus Frankfurt: „In meinen Augen werden die Anzeigen der Bundeswehr gerade deshalb so kritisch gesehen, weil die Bundeswehr selbst ein sehr geringes Ansehen in der Bevölkerung hat.“ Er selbst ist als Marketing Direktor tätig und weiß, wovon er spricht: „Bei der Kreation einer Kampagne geht es immer darum, die sogenannten Kernkompetenzen eines Unternehmens in den Vordergrund zu stellen.“

Selbst wenn Zyniker nun sagen würden, die Kernkompetenz einer Armee sei die Kriegsführung , müsse man doch eingestehen, dass „die Bundeswehr sich primär auf Sicherungsmaßnahmen konzentriert“, so Groose-Coosmann weiter. Daher sei auch die Kernaussage, die in der Werbung getätigt werde - „Wir sichern den Frieden“ - nicht im geringsten abwegig. Für ihn hat die Bundeswehr aus Marketing-Sicht richtig gehandelt: „Was die Bundeswehr braucht, ist eine Image-Kampagne oder plötzlichen Weltfrieden zur totalen globalen Abrüstung. Solang aber Letzteres nicht in Aussicht ist, bleibt einer Organisation wie der Bundeswehr nichts anderes übrig, als eine solche Kampagne zu fahren."

Der Erfolg spricht für sich

Die jetzige Kampagne ist nicht die erste ihrer Art: Bereits im vergangenen Jahr ging die Bundeswehr mit der Youtube-Serie „Die Rekruten“ online. Dort begleitete sie die Soldaten bei der Grundausbildung. Auch hier der gleiche Eindruck: Soldaten werden wie Helden inszeniert. Dennoch: die Serien haben Erfolg. Die erste „Mali“-Folge hat bereits über eine halbe Millionen Aufrufe, der Youtube-Kanal der Bundeswehr über 275.000 Follower. Auch die Bewerberzahlen haben sich laut Verteidigungsministerium nach der ersten Serie um 20 Prozent erhöht.

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