Crack-Süchtige sollen auf abgegrenztem Areal konsumieren

Wegen des aggressiven Verhaltens von Crack-Abhängigen fordert der Ortsvorsteher des Bahnhofsviertels, dass ein eigenes Konsum-Areal für die Droge eingerichtet wird. Eine Sozialarbeiterin hält von dem Vorstoß wenig.

Crack-Süchtige sollen auf abgegrenztem Areal konsumieren

Nicht selten sieht man sie rund um den Frankfurt Hauptbahnhof: In Nischen in der C-Ebene in eine Ecke gekauert, auf den Treppenabgängen oder auch direkt auf der Straße wird Crack geraucht. Meist in kleinen Pfeifen, die einen unangenehmen ätzenden Geruch verbreiten, von den Passanten weggewandt oder auch mit erschrockenem Blick, als fühle sich derjenige, der von der Droge abhängig ist, ertappt. Vielen Frankfurtern beschert das ein Unsicherheitsgefühl. Was, wenn ich einen Süchtigen beim Rauchen störe, er sich gar bedrängt fühlt und aggressiv wird?

Crack-Abhängige seien rastlos und aggressiv

Tatsächlich hat die Droge Crack, ein Kokain-Derivat, im Bahnhofsviertel enorm zugenommen. „Willkommen in Crack City“ titelte die „Vice“ vor zwei Jahren und führte aus, dass die sogenannte Todesdroge in Deutschland eigentlich wenig konsumiert werde und Frankfurt eine besondere Rolle einnehme. 80 Crack-Süchtige soll es laut dem Ortsvorsteher des Bahnhofsviertels, Oliver Strank (SPD), derzeit geben. Dass man sie häufig auf der Straße antrifft, hat auch damit zu tun, dass beim Rauchen die Wirkung der Droge zwar schnell wirkt, aber auch schnell wieder verflogen ist. Die Menschen seien rastlos, befänden sich in der Dauerschleife immer an neuen Stoff zu kommen und seien hoch aggressiv, so Strank.

„Als Ortsvorsteher werde ich oft angeschrieben oder angerufen, weil die Menschen sich bedroht fühlen.“ - Oliver Strank

Deshalb möchte der Ortsvorsteher den Konsum regulieren. Die Idee: Ein Crack-Konsum-Areal, das die Menschen von dem Areal isoliert, wo die Drogenabhängigen sich für gewöhnlich aufhalten, nämlich in der Taunus-, der Elbe- und der Niddastraße. „Als Ortsvorsteher werde ich oft angeschrieben oder angerufen, weil die Menschen sich bedroht fühlen.“ Nachdem der Vorschlag schon in der Vergangenheit vereinzelt von Gewerbetreibenden angesprochen wurde, möchte Strank nun für das Areal einen weiteren Vorstoß leisten, um Anwohner und Geschäftsinhaber zu entlasten.

Pilotprojekt, das wissenschaftlich begleitet wird

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Strank bezieht sich bei der Idee auf das Hamburger Vorbild „Drob Inn“, bei dem Drogensüchtige nicht nur die Konsumfläche, sondern auch Unterstützung angeboten bekommen. „Das Ganze soll als Pilotprojekt starten und wissenschaftlich begleitet werden“, sagt er. Dabei sei nichts in Stein gemeißelt, sondern müsse sich erst bewähren. Der SPD-Politiker stellt sich „maßgeschneiderte Angebote vor, die ausstiegsorinetiert sind“. „Die Crack-Problematik hat sich in den vergangenen Jahren massiv zugespitzt“, darauf müsse man sich nun konzentrieren. Er wolle dabei den Frankfurter Weg nicht aufgeben, sondern nachjustieren. Denn anders als Heroin-Konsumenten, die nach dem Schuss entspannt werden, störten die Crack-Raucher mit ihrer Unruhe die anderen eher.

„Das Ganze steht und fällt mit einer geeigneten Liegenschaft.“ - Oliver Strank

Während in Hamburg das Projekt erfolgreich laufe mit dem Glück, dass dort eine Liegenschaft gefunden wurde, die in der Nähe des Bahnhofs, aber in einem abgegrenzten Stadtviertel liege, besteht für Frankfurt noch keine konkrete Idee für einen Ort. „Das Ganze steht und fällt mit einer geeigneten Liegenschaft“, sagt Strank. Er wolle seine Forderung an den Magistrat geben, der dann besser im Blick habe, welche Räume für ein solches Projekt in Frage kämen.

Frankfurter Verein hält Vorgehen für absurd

Sozialarbeiterin Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten steht dem Vorstoß Stranks skeptisch gegenüber. „Wir halten solche Schnellschüsse für problematisch“, sagt sie. Ihrer Meinung nach werde bei dem Vorschlag suggeriert, dass es bloß eine Antwort auf eine viel komplexere Problematik gibt - „das halten wir für absurd“.

„Das wäre so, als würde ich zu Ihnen sagen, dass Sie Ihren Rotwein künftig in der Hausarztpraxis trinken sollen.“ - Christine Heinrichs

Man dürfe nicht vergessen, dass man es mit abhängigkeitserkrankten Menschen zu tun hat, die erwachsen sind und für sich selbst entscheiden, ob sie ein Angebot nutzen oder nicht. „Das wäre so, als würde ich zu Ihnen sagen, dass Sie Ihren Rotwein künftig in der Hausarztpraxis trinken sollen.“ Was soll aber die Menschen dazu bewegen, da hin zu gehen?

Auch bei den Druckräumen gebe es immer solche, die vor den Türen oder anderswo stehen, statt hineinzugehen - ganz einfach, weil sie da ihre Leute haben oder sich so wohler fühlen. Und von der Unterscheidung in aggressive und weniger aggressive Konsumenten hält Heinrichs nichts. „Es ist zwar richtig, dass Koks und Crack motorisch stärker aktiviert und Opiate dämpfen und zufrieden machen, aber woher die Aggressionen kommen, können Sie trotzdem nicht sagen.“ Die Sozialarbeiterin ärgert, dass beim Vorstoß des Ortsvorstehers der Frankfurter Verein als Expertenteam nicht mal nach der Meinung gefragt wird. „Wenn man fragt, kriegt man auch Antworten. Nur gibt es eben nicht die eine Lösung, sondern vielleicht 15 - und das will keiner hören, weil es kompliziert ist.“

Wo beginnt Ausgrenzung bei Abschirmung?

Darüber hinaus sieht es Heinrichs als problematisch an, Suchtkranke aus der Gesellschaft auszugrenzen, indem man einen Zaun um sie herum errichtet. Mit Heilung und Versorgung der Menschen habe das nichts zu tun. Vielmehr sei es ein schöner Wunsch nach der Vorstellung „Ich möchte gerne weg haben, was mich stört“.

„Es geht darum, sie an einer Stelle zu bündeln, wo sie andere weniger stören.“ - Oliver Strank

Strank erklärt indes, dass man die Leute eher von der Straße holen würde. „Es geht nicht darum, sie wegzuschaffen, sondern an einer Stelle zu bündeln, wo sie andere weniger stören.“ Dass sich bereits Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) ablehnend zu dem Konsum-Areal geäußert habe, findet Strank enttäuschend und nicht fortschrittlich. Die Frankfurter Polizei sei seinem Vorschlag gegenüber aufgeschlossen. Er wolle sich in den nächsten Tagen mit den Projekt-Machern aus Hamburg besprechen und im nächsten Ortsbeirat eine sogenannte Tischvorlage abliefern. Wenn diese verabschiedet wird, kommt der Vorschlag dann zur Abstimmung in den Magistrat. „Der schaut dann, was er damit macht“, sagt Strank.

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