Drogenszene in Frankfurt verlagert sich

Mit der Gentrifizierung des Bahnhofsviertels zerfällt es in einen hippen Teil und einen Teil, in dem sich das Drogenproblem konzentriert. Die Polizei geht seit einigen Monaten mit Kontrollmaßnahmen gegen die Szene vor.

Drogenszene in Frankfurt verlagert sich

Es ist nicht lange her, da wollte die Künstlergruppe Frankfurter Hauptschule ein Zeichen des Protests setzen. Eine Person werde sich in einer Galerie im Bahnhofsviertel vor Publikum live einen Schuss setzen, so die Ankündigung im vergangenen November. Auf Druck der Stadtverwaltung wurde die Performance abgesagt. Aufgeführt wurde sie dennoch. Und ihr gelang eine enorme Medienpräsenz.

Was bleibt vom Wirbel um die Kunstaktion ist eindeutig: Eine öffentliche Kommunikation des Drogenthemas ist durchaus angebracht. Denn mit der Gentrifizierung des Bahnhofsviertels zerfällt es in einen hippen Teil und einen Teil, in dem sich das Drogenproblem konzentriert. Hauptumschlagplatz ist dabei die Taunus- und die Niddastraße.

Neue Gruppen von Straßendealern?

Seit dem vergangenen Jahr seien im Bahnhofsviertel neue Gruppen von Straßendealern unterwegs, die besonders aggressiv und offensiv auftreten, vermelden lokale Nachrichtenmedien. Die Polizei kann das nicht bestätigen. „Das ist immer ein subjektiver Eindruck“, sagt Pressesprecher Rüdiger Reges. Vielfach kommen solche Einschätzungen von Anwohnern und es sei dabei nicht immer klar auszumachen, ob es Dealer, Abhängige oder vielleicht auch Betrunkene sind, die aggressiv auftreten. Allerdings sieht die Polizei im Wandel des Bahnhofsviertels den Umstand, dass immer mehr klassische Rückzugsmöglichkeiten wie Abrisshäuser, Hinterhöfe und Hauseingänge für die Szene wegfallen. Dealer und Konsumenten seien daher zwangsläufig präsenter auf der Straße.

„Es soll keinen festen Anlaufpunkt für die Dealer geben.“ - Rüdiger Reges

Und das führe dazu, dass in den vergangenen Monaten auch mehr Beschwerden von Seiten der Anwohner oder Gewerbetreibenden bei der Polizei eingehen. Man habe es mit festen Dealerstrukturen zutun, meist handele es sich um Personen nordafrikanischer Herkunft. Polizei und Ordnungsamt seien daher vermehrt vor Ort. „Es soll keinen festen Anlaufpunkt für die Dealer geben“, erklärt Reges. „Wir beobachten die Bewegungen in der Szene genau und stellen uns dementsprechend darauf ein.“ Das erscheint womöglich für Außenstehende, als werde dadurch die Kontrolle eher schwierig für die Beamten. Doch der Kontrolldruck sei genau das Ziel, so Reges. Das gehe den Dealern schließlich auf die Nerven.

Kontrollen zur Abschreckung

Das Frankfurter Ordnungsamt und die Polizei zeigen seit einigen Monaten vermehrt Präsenz im Bahnhofsviertel und führten bereits einige Razzien durch, die sich nicht auf greifbare Delikte bezogen haben, sondern der Abschreckung dienen sollten. „Gemeinsame Kontrollen der Sicherheitsbehörden in unserer Stadt helfen uns dabei, dass sich die Menschen im Bahnhofsviertel sicher fühlen“, erklärt Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU). „Das Bahnhofsviertel hat neben seinen vielen positiven Seiten immer noch schmuddelige Ecken, wo es vermehrt zu Gesetzesverstößen unterschiedlichster Art kommt. Wir versuchen seit geraumer Zeit durch städtebauliche, kreative und wirtschaftspolitische Maßnahmen diesen negativen Erscheinungen Einhalt zu gebieten.“

Die Polizei selbst nutzt den Begriff Razzien nicht. Auch am Mittwoch führte sie wieder entsprechende Kontrollmaßnahmen im Bahnhofsviertel durch. Hier seien nur kleine Mengen Marihuana sichergestellt worden. „Nix Weltbewegendes“, so Reges.

Ausweichstraßen weg von Taunusstraße

Doch Bewegung sei dennoch infolge der polizeilichen Maßnahmen zu erkennen. Auch Petra Schnatz vom Drogenhilfezentrum „La Strada“ in der Mainzer Straße 93 bestätigt, dass sich die Drogenszene vom früheren Hauptumschlagplatz der Taunusstraße in die Niddastraße hineinverlagert in Richtung Gallus. Vor allem an der Ecke Düsseldorfer Straße vor der Frankfurter Sparkasse sei immer viel los. „Das ist aber nichts Neues für uns, die wir da täglich vorbeilaufen.“ Seit einigen Monaten, wenn nicht sogar einem Jahr, sei der Ort stark frequentiert.

„Aus Dealersicht ist der Hauptbahnhof eben ein guter Standort.“ - Petra Schnatz

„Die Menschen aus der Taunusstraße sind ja nicht einfach weg“, erklärt Schnatz. „Die verschwinden kurzzeitig und suchen sich neue Nischen, wo die Kundschaft wartet.“ Die Gruppen seien sehr flexibel und auch mobil mit Auto, Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln rund um den Hauptbahnhof. „Aus Dealersicht ist das eben ein guter Standort.“ Zudem seien die Kriminellen gut vernetzt und wissen um die Polizeipräsenz.

Polizeimaßnahmen nicht immer hilfreich

Diese wiederum sieht die Mitarbeiterin des Drogenzentrums, das auch einen Konsumraum beherbergt, kritisch. Einzelaktionen, die nach Absprache durchgeführt werden, empfindet sie als sehr hilfreich. Doch brachiale Verdrängungsmechanismen führen vielmehr dazu, dass die Hilfseinrichtungen überfüllt werden, weil die Menschen von der Straße gescheucht werden. „Derzeit befindet man sich an einem recht verträglichen Punkt“, sagt Schnatz. In den 90er und 2000er Jahren habe man viel öfter mit Eskalationen zu tun gehabt.

Genaue Zahlen über die Drogenszene kann weder Schnatz noch die Polizei nennen. Doch die Hilfezentren im Frankfurter Bahnhofsviertel, die Angebote der Grundversorgung, praktische Überlebenshilfen und vor allem die kontrollierte Abgabe von Heroin und auch intravenös verabreichtes Crack ermöglichen, haben sich bewährt. Während in den 90er Jahren rund 150 Menschen, je nach damaliger Interpretation an ihrer Sucht oder an den Folgen der Kriminalisierung, starben, konnte mit dem Frankfurter Modell die Zahl der Toten eingedämmt werden: 2014 starben 23 Menschen an Drogen, sechs weniger als im Jahr zuvor.

Heroin steht an erster Stelle

In Bezug auf die örtliche Verteilung erklärt Schnatz, dass in Richtung Niddastraße eher mit sogenannten weichen Drogen wie Marihuana gedealt wird, in der Taunusstraße und ihren Seitenstraßen finde man vermehrt harte Substanzen vor. Noch immer sei Heroin am häufigsten konsumiert, darauf folge Crack, Kokain und sonstige. Vor allem Junkies mit Crackpfeifen sieht man in letzter Zeit vermehrt in der B-Ebene des Hauptbahnhofs. „Sowohl Polizei als auch die Mitarbeiter der Deutschen Bahn sind hier relativ ratlos“, so Schnatz. „Die vertreiben die Leute und dann geht das Katz-und-Maus-Spiel von vorne los - wie früher in der Taunusanlage.“

„Die Polizei vertreibt die Leute und dann geht das Katz-und-Maus-Spiel von vorne los.“ - Petra Schnatz

Das Drogenproblem sei ein schwieriges Thema, sagt die Drogenhelferin. „Es gibt den Markt und die Nachfrage - daher wird es in Großstädten immer Dealer und Konsumenten geben.“ In Frankfurt komme die Infrastruktur mit dem Bahnhof und dem Flughafen hinzu. „Selbst wenn aus dem Bahnhofsviertel ein Luxusviertel wird, werden sie hier bleiben.“ Womöglich verlagere sich die Szene dann in Richtung Gallus oder Gutleutviertel. Für die Drogenhelfer liegt die hilfreichste Maßnahme darin, die Abhängigen zum kontrollierten Konsum in den Druckräumen zu bewegen. Derzeit gibt es vier in Frankfurt. In diesem Rahmen läuft auch ein Heroin-Programm. „Hier könnten wir noch mehr Plätze gebrauchen“, sagt Schnatz. „Und einen möglichst niedrigschwelligen Zugang.“

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