Darum braucht Frankfurt Sterbebegleitung für Muslime

Sterbende Menschen in den Tod begleiten - das sollte es speziell für Muslime geben, wenn es nach Rabia Bechari und Ahmed Douirani geht. Das Ehepaar plant das bundesweite erste Hospiz-Angebot für Muslime.

Darum braucht Frankfurt Sterbebegleitung für Muslime

Wir werden alle sterben. Doch die Art, wie Menschen sterben und sterben möchten, ist sehr individuell. Das wissen Rabia Bechari und ihr Ehemann Ahmed Douirani und möchten daher das bundesweit erste Hospiz- und Palliativ-Team speziell für Muslime in Frankfurt und Offenbach aufbauen. Dafür haben sie den neuen Verein „Barmherzige Begleitung“ gegründet.

Die gelernte Bankkauffrau und der Diplombetriebswirt und Islamwissenschaftler sind bereits seit Jahren in der muslimischen Seelsorge tätig und leiten das „Institut für Kultur- und Religionssensible Bildung & Beratung“ (Inkurs) in Frankfurt und Offenbach. Das Institut bietet Menschen und Institutionen Seminare und Ausbildungen rund um das Thema „Interkulturelle Sensibilisierung“. Dazu zählt auch die deutschlandweit erste standardisierte Ausbildung zum muslimischen Seelsorger.

Muslime haben spezifischere Sorgen

„Es geht vor allem um das ,Verstandenwerden’.“ - Rabia Bechari, Mitgründerin von Barmherzige Begleitung e.V.

Es waren die Erfahrungen innerhalb der muslimischen Seelsorge, die Bechari und Douirani dazu veranlassten, selbst im Bereich Sterbebegleitung und Palliativmedizin aktiv zu werden. Denn: „Genau wie in der Seelsorge haben muslimische Patienten spezifischere Sorgen und Ängste, als es bei anderen Menschen der Fall ist“, erklärt Bechari.

Dabei spiele das Vertrauen zwischen Patient und Seelsorger eine große Rolle. „Es geht vor allem um das ,Verstandenwerden’“, sagt Bechari weiter. Nicht nur dieselbe Religion zu teilen sei bedeutend, auch das Kulturverständnis biete eine wichtige Plattform für die Gespräche. Allerdings stoßen die Seelsorger, wenn es um sterbende Patienten geht, oft an ihre Grenzen. Insbesondere dann, wenn die Patienten zu Hause sterben möchten. „Ein Seelsorger besucht die Menschen ja nicht zu Hause, sondern im Krankenhaus“, erklärt Bechari.

Bedarf an Sterbebegleitung für Muslime wächst

„Für die Menschen, die bald sterben, aber auch für die Angehörigen, ist es ein großer Trost zu wissen, dass es nur ein Abschied auf Zeit und nicht für immer ist.“ - Ahmed Douirani, Vorstandsvorsitzender von Barmherzige Begleitung e.V.

Dabei gebe es besonders viele Anfragen für Sterbebegleitung zu Hause. „Oft sind es auch die Angehörigen, die nicht wissen, wie man bestimmte islamische Riten ausführt, sie aber gerne praktizieren würden, weil die sterbende Person es sich wünscht“, so Douirani. „Das kann eine Totenwaschung sein oder auch das gemeinsame Rezitieren aus dem Koran.“

Auch seien es oft Ängste, die sich auf das Leben nach dem Tod beziehen, die die Sterbenden selbst plagen. Sterbebegleiter, die dieselbe Religion oder Kultur teilen, können sich diesen Ängsten besser annehmen, sind Bechari und Douirani überzeugt. „Für die Menschen, die bald sterben, aber auch für die Angehörigen, ist es ein großer Trost zu wissen, dass es nur ein Abschied auf Zeit und nicht für immer ist“, erklärt Douirani die theologische Sicht.

Entlastung für Pflegepersonal?

„In diesem Fall spielt das aktive Zuhören eine besonders große Rolle.“ - Sümeyye Eren, Krankenhausseelsorgerin und angehende Sterbebegleiterin

Denn der Glaube an das Jenseits und das dortige Wiedersehen mit „geliebten Personen“ schaffe Hoffnung. Oft, so Bechari, ist es die Sehnsucht nach dem „gewissen Heimatgefühl“, das sich die Sterbenden wünschen, bevor sie diese Welt verlassen. Das lindere die Angst vor dem Sterben.

Das sieht auch die Krankenschwester Sümeyye Eren so: „In diesem Fall spielt das aktive Zuhören eine besonders große Rolle“. Die 25-Jährige ist bereits als Krankenhausseelsorgerin tätig und möchte bald die Ausbildung zur Sterbebegleiterin machen. Auch sie ist überzeugt: „Der Bedarf an Seelsorge und Sterbebegleitung für Muslime ist riesig.“ Und das nicht nur zuhause — auch im Krankenhaus bleiben die zwischenmenschlichen Gespräche zwischen Patienten und Pflegepersonal auf der Strecke. Nicht nur, weil es an Zeit fehle, sondern auch, weil die Kompetenzen nicht vorhanden seien. „Deshalb hat mir die Ausbildung als Seelsorgerin besonders viel gebracht.“

Stadt begrüßt Initiative

„Ich begrüße die Initiative sehr, denn ich denke, dass dadurch das bestehende Angebot an Hospizen sehr gut ergänzt werden könnte.“ - Stefan Majer, Gesundheitsdezernent

Was Eren erwähnt, ist ebenfalls Teil des geplanten Konzeptes des neuen Vereins. So stehen Bechari und Douirani bereits im Kontakt mit unterschiedlichen stationären Hospizen, um vor Ort tätig sein zu können und somit das Personal zu entlasten. Diese Idee kommt bei der Stadt Frankfurt gut an: „Ich begrüße die Initiative sehr, denn ich denke, dass dadurch das bestehende Angebot an Hospizen sehr gut ergänzt werden könnte“, sagt der Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne).

Doch wenn es nach dem motivierten Ehepaar geht, soll es dabei nicht bleiben. Denn langfristig möchten sie selbst ein stationäres Hospiz gründen. Noch fehlt es dazu an finanziellen Mitteln, weshalb der Verein derzeit noch auf Spenden angewiesen ist. Laut Majer ist es gesetzlich so geregelt, dass Hospize nicht über (pauschale) Zuschüsse der öffentlichen Hand finanziert werden, sondern aus Kranken- und Pflegeversicherungsleistungen und aus den Aufwendungen des jeweiligen Trägers.

Bis es ein muslimisches stationäres Hospiz geben wird, wird es also vermutlich noch etwas dauern. Jetzt stehen erst einmal die ersten Schulungen für die mobile Sterbebegleitung an. Die beginnen im Juni 2019, sagt Bechari. „Darauf freuen wir uns sehr“, so die Frankfurterin.

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