Arisierung in Frankfurt - Eine undurchsichtige Sache

Zahlreiche Juden verloren in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Besitz. Die Stadt Frankfurt kaufte dabei 170 Grundstücke und Gebäude - auch unter Wert. Doch wie sie sich genau verhalten hat, ist unerforscht.

Arisierung in Frankfurt - Eine undurchsichtige Sache

Stellt Euch vor, Euer gesamtes Eigentum wird Euch von jetzt auf gleich weggenommen. Alles, was Euch finanzielle Sicherheit gegeben hat, ist nicht mehr da. Das Dach über dem Kopf ist nicht mehr so selbstverständlich, wie es einmal war. Und das nicht, weil Ihr etwas falsch gemacht habt, sondern weil Eure religiöse Gruppe aus der Gesellschaft verdrängt werden soll. So erging es den Juden in Frankfurt während die Nationalsozialisten an der Macht waren. Die Grundstücke der Juden und große Teile ihres Hab und Guts wurden „arisiert“.

Auch die Stadt hatte ihre Finger mit im Spiel. Doch die Rolle des Magistrats bei der Arisierung ist bisher unklar. Denn die Forschung zur Arisierung in Frankfurt ist nicht so intensiv verlaufen, wie in anderen deutschen Städten. Dies verwundert vor allem, da der Anteil an Juden an der Bevölkerungszahl in Frankfurt am höchsten in ganz Deutschland war. Merkurist hat für Euch die wenigen Fakten zusammengetragen, die bisher untersucht wurden.

Lücke in der Geschichtsschreibung der Stadt

Der Stadtteilhistoriker Dieter Wesp ist im vergangenen Jahr auf die Lücke in der Frankfurter Geschichtsschreibung gestoßen, als er zur Vergangenheit des heutigen Luxushotels Villa Kennedy recherchierte. Dabei tauchte die Stadt Frankfurt als aktiver Part im „Arisierungsprozess“ auf. Die Villa war zur NS-Zeit das Wohnhaus der jüdischen Familie Beit von Speyer. Die Stadt Frankfurt kaufte das gesamte Gelände mit allen Gebäuden für 137.000 Reichsmark. Als 1948 die Nachkommen der Beit von Speyers Entschädigungsansprüche stellten, erwähnt der damalige Oberbürgermeister Walter Kolb, dass alleine der Bodenwert 173.600 DM betrage.

Für 137.000 RM gekauft, für 18 Millionen Euro verkauft

Auch die Umrechnung von Reichsmark auf D-Mark kann laut Wesps Recherchen den Kaufpreis nicht rechtfertigen, da das Grundstück und die Gebäude weitaus mehr wert sind, als von der Stadt beim Kauf gezahlt wurde. Auch bei der Entschädigung der Erben hielt sich die Stadt zurück und zahlte 150.000 DM als Ausgleich. Im Jahr 2000 verkaufte die Stadt schließlich das gesamte Grundstück mit allen Gebäuden für 18 Millionen Euro an einen privaten Investor. Wesp spricht dabei von einem „Arisierungsgewinn“, den die Stadt klar mit dem An- und Verkauf des Grundstückes gemacht hat.

„Die Stadt hat in erheblichem Umfang an der ,Arisierung’ jüdischer Immobilien profitiert.“ - Dieter Wesp, Stadtteilhistoriker

Doch die Stadt war an weitaus mehr Arisierungen aktiv beteiligt und nicht nur, wie eigentlich vorgesehen, als Beobachter involviert. 170 verschiedene Objekte hat die Stadt laut einer Liste des damaligen Baurats Adolf Miersch von jüdischen Eigentümern an sich genommen. Dabei kam es zwar zu Zahlungen an die Enteigneten, doch ob diese angemessen waren oder die Stadt damit wie bei der Villa von Speyer einen Gewinn gemacht hat, ist unklar. Wie Wesp recherchiert hat, entsprechen die arisierten Grundstücke einer Fläche von 155 Hektar, was rund 217 Fußballfeldern entspricht und damit mehr, als die gesamte Fläche Frankfurts innerhalb des Anlagenrings. Die gesamte Kaufsumme betrug laut Wesp 14 Millionen Reichsmark. Deshalb ist sich der Stadtteilhistoriker sicher: „Die Stadt hat in erheblichem Umfang an der ,Arisierung’ jüdischer Immobilien profitiert. Sowohl durch Ankaufspreise unter Wert, Entschädigungszahlungen unter Wert als auch durch Erlöse, die beim Verkauf dieser Immobilien erzielt wurden.“

170 arisierte Objekte im Stadtgebiet

Wesp fand eine List der enteigneten Objekte in Magistratsakten im Stadtarchiv. Ein Blick in diese Liste zeigt, dass die Stadt unter anderem das jüdische Krankenhaus in der Gagernstraße, das Philanthrophin und den Grüneburgpark an sich nahm. Unter den 170 Objekten waren zudem Geschäftshäuser (wie ein Einkaufshaus auf der Zeil), Privathäuser, Golfplätze mit dazugehörigen Clubs, Schulen, Suppenanstalten und Niederlassungen von israelischen Hilfsvereinen. Sie wurden zu Jugendherbergen der Hitlerjugend, Schulen, Krankenhäusern oder Musikschulen umfunktioniert oder unter einem neuen Besitzer weitergeführt. Teilweise wurden die übernommenen Häuser auch den ehemaligen jüdischen Eigentümern untervermietet, wie es Miersch in seinen zahlreichen Briefen an den damaligen Oberbürgermeister vermerkte.

„Sie wählten die Stadt Frankfurt, weil dadurch der jüdischen Wohlfahrtspflege am besten gedient war.“ - Adolf Miersch, damaliger Baurat

Dort stellt er die Stadt Frankfurt auch als Beschützer des jüdischen Eigentums vor der Gestapo und den „gierigen Händen“ Dritter dar und distanziert sie klar von den „Aasgeiern“, die sich an dem jüdischen Besitz bereichern wollten. „Die jüdische Gemeinde hatte nur zu wählen zwischen der Inanspruchnahme der Grundstücke durch die Gestapo oder der Übereignung an die Stadt Frankfurt“, berichtet Miersch im Sommer 1945 in seinem Brief. „Sie wählten die Stadt Frankfurt, weil dadurch der jüdischen Wohlfahrtspflege am besten gedient war.“

„Es stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten von Aufarbeitung, wenn die zunächst mit den Grundlagen betrauten Personen diejenigen sind, die an den Verfolgungen unmittelbar beteiligt waren.“ - Deborah Krieg

Gegen eine Einflussnahme Dritter und der Gestapo habe sich die Stadt mehrere Male gewährt, schreibt Miersch auf der einen Seite. Auf der anderen Seite betont er, dass die Stadt unter dem Zwang der Nationalsozialisten gestanden habe und machtlos gegen die Gestapo gewesen sei. Doch kann ein Politiker, der zwar ursprünglich kein NSDAP-Mitglied war, aber dennoch „Arisierungsprozesse“ durchgeführt hat, auch deren Aufarbeitung durchführen? Deborah Krieg, stellvertretende Direktorin der Bildungsstätte Anne Frank, bezweifelt das. „Es stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten von Erstattung, Aufarbeitung und Erinnerung, wenn die zunächst mit den Grundlagen betrauten Personen diejenigen sind, die an den Verfolgungen unmittelbar beteiligt waren“, sagt Krieg.

Ohne Forschung weitere Diskriminierung

Doch dies sei nötig. Denn: „Der bisherige Umgang mit Arisierung bedeutet in vielen Fällen eine weitere und fortgesetzte Diskriminierung und gab Anlass zu vielen antisemitischen Äußerungen“, sagt Krieg. So zitiert sie den ehemaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard bei dessen Amtsantritt 1963: „Wir wissen es zu würdigen, wenn Menschen aus ihrem eigenen Erleben heraus noch nicht bereit sind, sich mit Deutschland zu versöhnen. Aber wir haben keinen Sinn für jene Bestrebungen, die aus vergangener Barbarei für alle Zeiten eine deutsche Erbsünde herleiten und als politisches Mittel konservieren möchten.“

„Die Aufarbeitung der ‘Arisierung’ in Frankfurt und die Rolle der Stadt sind seit langem überfällig.“ - Antrag CDU, SPD und Grüne

Krieg wünscht sich deshalb eine verstärkte Forschung zu den „Arisierungsprozessen“, die sich auch mit (geschichts-)abwehrenden Praxen rund um die Erstattung beschäftigt. Dem schließen sich die Römer-Fraktionen der CDU, SPD und Grünen an. „Die Aufarbeitung der ‘Arisierung’ in Frankfurt und die Rolle der Stadt sind seit langem überfällig“, heißt es in dem gemeinsamen Antrag an den Magistrat. Sie fordern eine Studie, die für mehr Aufklärung sorgen soll.

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