Die toughen Frauen des Prostitutionsmilieus

Laufhaus und Animierbar in einem: Das ist das „My Way“ in der Taunusstraße. Unsere Autorin hat an einer Führung nur für Frauen teilgenommen und kehrte mit dem Eindruck zurück: „Das ist ein knallhartes Geschäft.“

Die toughen Frauen des Prostitutionsmilieus

Sieben Journalistinnen sitzen im Zimmer der Prostituierten Gabriella. Das Zimmer ist so klein, dass wir uns dicht aneinander stellen müssen. In der Mitte steht ein Bett mit geblümter Bettwäsche. Auf dem Nachttisch sind Gleitgel, Desinfektionsmittel und ein Telefon sowie ein Alarmknopf für den Notfall platziert. Wir befinden uns im Laufhaus über dem „My Way“-Bistro in der Taunusstraße 26. Der Grund: Eine Rotlichttour durch das Bahnhofsviertel. In unserem Fall extra für Medienvertreterinnen, damit Tourmoderator Ulrich Mattner zeigen kann, dass es sich bei seinen Touren keinesfalls um „Werbung für das Prostitutionsmilieu“ - wie es die Stadt Frankfurt kürzlich ausdrückte - handelt. Wir sollen vielmehr einen „nüchternen Einblick in die harten Arbeitsbedingungen der Prostituierten“ bekommen.

Treffpunkt war der Hauptbahnhof. Über die Kaiserstraße werden wir zur Elbestraße geführt. Dort befindet sich der Straßenstrich, auf dem Männer für zwei bis fünf Euro zum Orgasmus gelangen können.

„Es gibt Männer, die auf Junkie-Frauen stehen.“ - Ulrich Mattner, Tourguide

Auch der „Sozialstrich“ sei dort ansässig. 80-jährige Witwer lassen drogenabhängige Frauen in ihr Auto einsteigen, lassen sie Drogen nehmen, fahren sie mit zu sich nach Hause, bekochen sie. Im Gegenzug kümmern sich die Frauen um die (sexuellen) Bedürfnisse der Senioren. „Es gibt Männer, die auf Junkie-Frauen stehen“, so Mattner. Von der Elbestraße biegen wir in die Taunusstraße zum „My Way“-Bistro ab.

„Nach dem Happy End ist finito.“ - Ulrich Mattner, Tourguide

Während uns Mattner noch erzählt, dass das Bahnhofsviertel überwiegend von Armutsprostitution geprägt ist und zu 95 Prozent von rumänischen und bulgarischen Frauen getragen wird, macht der Inhaber eines Imbisses von gegenüber Witze und nennt uns gleich schon einmal die Preise für 15 Minuten mit einer Prostituierten. Er scheint sich auszukennen. 25 Euro zahlt ein Kunde durchschnittlich für 15 Minuten Sex. „Nach dem Happy End ist finito“, sagt Mattner. Auch wenn der Mann schon nach acht Minuten kommt.

„My Way“: Animierbar und Laufhaus in einem

Vor dem Bordell in der Animierbar wartet Richard Böhling, der Betreiber des Etablissements, auf uns. Der 53-Jährige betreibt seit 1989 das Bordell und die Bar; in Wiesbaden hat er ein weiteres Haus. „Mit der Bar verdiene ich nichts“, sagt Böhling. „Sie ist wie ein Wohnzimmer zum Bordell.“

Und dort gehen wir jetzt hin. Durch einen Gang, der mit roten Wänden und großen, hochformatigen und glänzenden Bildern von leichtbekleideten Frauen dekoriert ist, gelangen wir ins Treppenhaus. Dort kommen uns zwei junge Männer entgegen, Freier. Im ersten Stock angekommen sitzen zwei Frauen an den offenen Türen vor uns. Eine von ihnen raucht in einem Kleid, das an eine langes Trägertop erinnert und schaut uns mit müden Augen und einem leichten Lächeln an. Wir werden zu Gabriella (ihr Prostituiertenname) geführt.

Sie finanziert ihre ganze Familie

Die 34-jährige Bulgarin arbeitet seit zehn Jahren als Sex-Arbeiterin. „2007 bin ich mit dem Ziel als Prostituierte zu arbeiten nach Frankfurt gekommen“, sagt die kleine, schlanke Frau mit weiblichen Rundungen. An ihren Füßen befinden sich zehn Zentimeter hohe Stöckelschuhe, ihre schwarzen Haare hängen offen und lang über ihren Schultern; ihre Hände hat sie vor sich ineinandergeflochten. „Ich wollte eine Wohnung für meine Tochter in Bulgarien kaufen“, sagt Gabriella. Mit dem Geld, das sie durch die Prostitution verdient, ernährt sie ihre komplette Familie in Bulgarien, ermöglicht ihren Schwestern eine Ausbildung und ein Studium. Ihre Familie weiß nichts von ihrem Job. „Sie denken, ich habe einen reichen Mann hier“, sagt die Prostituierte traurig. Die Wahrheit werde sie ihnen nie erzählen können.

„Ich habe 30 Tage durchgearbeitet und war immer alleine.“ - Gabriella, Prostituierte

Ohne Deutschkenntnisse oder einen gültigen Pass und mit kaum Geld in der Tasche kam die Frau in die Mainmetropole und verkaufte dort ihren Goldschmuck, um die erste Kaution für ein Zimmer im Laufhaus bezahlen zu können. Nach zwei Polizeirazzien wurde Gabriella aus Deutschland verscheucht. Mit dem EU-Beitritt Bulgariens kam sie zurück. Die ersten Jahre beschreibt die 34-Jährige als „schwer und traurig“. „Ich habe 30 Tage durchgearbeitet und war immer alleine.“ Obwohl damals das Geschäft noch besser lief. „Vorher war es einfacher, jetzt wollen die Kunden weniger bezahlen“, so die Bulgarin sichtlich verärgert.

Das Messer unter das Kinn gehalten

Vor zwei Jahren bedrohte ein Kunde sie mit einem Messer, hielt sie 45 Minuten in ihrem Zimmer gefangen, zog das Telefon aus der Steckdose, damit Gabriella nicht den Notknopf drücken und den Security-Mann zur Hilfe holen konnte. Zwei Tage nach dem Vorfall nahm die Bulgarin ihre Arbeit wieder auf. „Trotz der Angst bin ich wiedergekommen“, sagt Gabriella. „Ich habe diese Stärke in mir.“

„Die Mädchen, die wenig Geld nehmen, machen das Geschäft kaputt.“ - Gabriella, Prostituierte

Nachmittags bis zwei beziehungsweise sechs Uhr morgens wartet die Bulgarin in ihrem Zimmer auf Kunden. Die gibt es in jedem Alter und kommen aus jeder sozialen Schicht. Freier lehnt die 34-Jährige auch mal ab. „Küssen und ohne Kondom gibt es bei mir nicht“. Auch wenn jemand zu wenig bezahlen möchte, bietet sie ihre Dienste nicht an. „Die Mädchen, die wenig Geld nehmen, machen das Geschäft kaputt.“ 50 bis 100 Euro verdient Gabriella täglich (dabei ist die Miete für das Zimmer bereits abgezogen), Geschlechtskrankheiten habe sie sich bisher noch nicht zugezogen.

Das Leben neben der Prostitution

Sie habe einen Freund. Den Sex mit ihm könne man nicht mit ihrer Arbeit vergleichen: „Auf der Arbeit ist alles sehr schnell und nichts Emotionales.“ Lange will sie nicht mehr als Prostituierte arbeiten. Ende dieses Jahres soll ihre Tochter zu ihr nach Frankfurt kommen. Dann möchte sie vielleicht ein Nagelstudio eröffnen. Dankbar für die Einblicke in ihr Leben und überrascht über Gabriellas Offenheit verlassen wir ihr Zimmer. „Alles Gute Dir!“, hört man von vielen Journalistinnen, und es wirkt ernst gemeint.

Rezeption und Sicherheitsposten in einem

Unsere nächste Station ist die Rezeption, an der der Security-Chef Naki vor sechs Bildschirmen und einem Fernseher sitzt. Rote Knöpfe an einer Tafel zeigen an, wenn eine Frau den Alarmknopf gedrückt hat.

Vergangenen Sonntag habe Gabriella das getan. Drei angetrunkene Männer hatten ihr gedroht. Naki sei hoch gegangen und wurde auf dem Weg mit einer Bierflasche abgeworfen. Dabei zog er sich eine Platzwunde über der linken Augenbraue zu. Nun befindet sich ein Pflaster an der Stelle. „Normalerweise regele ich das so, dass es nicht eskaliert“, sagt der Security-Chef. Zu Naki kommen die Frauen auch, um ein Zimmer für 140 Euro pro Tag zu mieten. Dafür können sie zusätzlich duschen, Sandwiches, Obst, Frühstück und zwei Getränke zu sich nehmen. Zehn Kondome gibt's obendrauf. 34 Zimmer stehen zur Verfügung, 12 davon sind derzeit leer. „Wegen dem Sommerloch und dem neuen Gesetz“, sagt Naki. „Die Mädchen haben Angst, dass ihre Familien informiert werden.“

Claudia führt die Animierbar

An der Rezeption vorbei laufen wir zur Animierbar weiter. Dort wartet Claudia, Geschäftsführerin bei „My Way“ und Barfrau. Wir setzen uns auf schwarze Ledersofas und schauen uns die Schwarz-Weiß-Bilder alter Hollywoodstars an. Auch in der Bar sind die Wände rot. Es gibt zwei Separees zum Abtrennen. „Da kann man sich Stripper bestellen“, sagt Claudia. In der Animierbar geht es nicht um das „Happy End“, sondern „nur um's Quatschen.“ „Wenn er mehr will, kann er hoch gehen“, so die Barfrau.

Selbstbewusst und offen erzählt sie uns, dass zwei bis drei Mädchen pro Tag im „My Way“ unterwegs sind. „Sie sind mehr oder weniger aufgebrezelt und attraktiv angezogen.“ Gibt man ihnen als Kunde ein Getränk aus, so kostet das zwischen 18 und 300 Euro. „Quatschen können wir doch auch alle ganz gut, so als Zweitjob“, meldet sich eine Journalistin zu Wort. „Es ist nichts anderes als Psychotherapie“, sagt Mattner. In der Animierbar wird viel Englisch geredet, 75 Prozent seien Stammgäste, die vier Mal pro Woche kommen, so Claudia. „Und habt ihr jetzt Lust euch hier ein Zimmer zu buchen?“, fragt Mattner am Ende der Tour. Niemand von uns muss sich hierzu äußern. Doch dankbar sind wir trotzdem: Für den Einblick in eine harte Parallelwelt und die Begegnung mit den toughen Frauen, die in ihr leben.

Merkurist