Ein Streifzug durch die Geschichte Bornheims

Jedes Viertel hat eine Geschichte zu erzählen. Doch die von Bornheim ist besonders bewegt: Nicht umsonst galt Bernem schon vor Jahrhunderten als „lustiges Dorf“ – und ist dies bis heute geblieben.

Ein Streifzug durch die Geschichte Bornheims

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Frankfurt einst bei New York anklopfte und um eine Städtepartnerschaft bat, die ihr nicht gewährt wurde – zu klein sei Frankfurt im Verhältnis. Trotzdem schreckt man weder in Frankfurt noch außerhalb davor zurück, die Stadt immer wieder mit dem großen Vorbild auf der anderen Seite des Ozeans zu vergleichen. Umso schöner, dass es ausgerechnet die New York Times war, die 2010 Parallelen zwischen beiden Städten zog. Wobei – eigentlich ging es in dem Vergleich um zwei konkrete Stadtteile: Bornheim sei mit seinen „apfelwein (apple wine) pubs, […] boutiques, bookstores, parks, coffee shops, organic markets, historic bars and new restaurants“ ein wenig wie Williamsburg, das beliebteste Viertel Brooklyns. Ach, schmunzelten die Bornheimer, das war bereits lange vor der Eingliederung Bornheims in die Stadt Frankfurt so! Ja, aber wie genau ging es damals zu in Bornheim?

Zahlen und Fakten

Erstmals offiziell belegt ist Bornheim in einer Gerichtsakte aus dem Jahr 1194, in dem ein Ritter namens Henricus de Burnheim, also Heinrich von Bornheim, erwähnt wird, der Namensgeber des Dorfes. Ausgrabungen beweisen jedoch, dass die Ursprünge Bornheims weitaus älter sind: Schon die Römer besiedelten einst die Gegend, bis sie um das Jahr 260 weiterzogen. Rund zehn Jahrhunderte später errichtete man eine Wasserburg namens Bornburg, die Heinrich von Bornheim bewohnte und die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder abgerissen wurde. Schon damals kannte der neurotische Zwang der Frankfurter, alten Gebäude den Garaus zu machen, keine Grenzen.

Die Frankfurter wussten ihre Bernemer übrigens zu schätzen: Ab 1432 hatten diese Burgrecht, das heißt, sie durften in Kriegszeiten hinter die Stadtmauer flüchten. Bereits 1475 wurde Bornheim Landgemeinde von Frankfurt; offiziell als Viertel der Stadt darf (muss?) sich Bornheim seit 1877 bezeichnen, als es als erstes Dorf im Frankfurter Umland eingemeindet wurde. Nebenbei bemerkt: Kaum zehn Jahre zuvor hatte Frankfurt ihren Status als Freie Stadt verloren und gehörte seitdem zum Königreich Preußen. Bornheim hatte zu der Zeit rund 10.000 Einwohner; heute sind es knapp 30.000. Ende des 19. Jahrhunderts wurde auch der (heutzutage offiziell zum Nordend gehörende) Günthersburgpark, zuvor ein Privatpark, der Öffentlichkeit übertragen, nachdem sein letzter Besitzer, Mayer Carl von Rothschild, keine Erben hatte und den Park testamentarisch der Stadt überließ.

Vom Saufen und vom Huren

Einer der wichtigsten Zeitzeugen der lustigsten Ära im Lustigen Dorf nannte sich Freiherr von Evilmerodach, der Ende des 18. Jahrhunderts unter diesem Pseudonym eine Lobpreisung auf Bornheim veröffentlichte: „Der erste Gang ist gethan. Bornheims erstes Haus, rechter Hand, beschenkte ich mit meiner Gegenwart... Drei Freuden-Mädchen hüpften bei einer stumpfen Musik mit drei jungen Herrchens lustig herum. Ihre Brüste wackelten, und während dem Tanz, ließen sie sich tapfer ihre Heirathsgelenke betasten.“ Der Stadt Frankfurt war dies zu viel der „Heirathsgelenke“ – sie ließ das Buch verbieten. Den Freiherr wird’s wenig gestört haben, immerhin konnte er sich im Lustigen Dorf mit seinen bejubelten „Freuden-Töchtern“ von dieser Zensur ablenken.

Lustig, so ging es wahrlich zu in Bornheim. Nicht nur die Animierlokale, auch die Apfelweinwirtschaften, von denen es zeitweise sogar mehr gab als in Sachsenhausen, trugen zum Ruf der Sittenlosigkeit bei. In den Lokalen bedienten – oh, Graus! – nämlich nicht nur Männer, sondern ebenfalls Frauen. Im biederen Frankfurt war dies nicht denkbar; über Jahrhunderte hatte die unabhängige Gemeinde Bornheim viel laxere Gesetzte als die benachbarte Stadt. Deswegen schleppte man Besucher Frankfurts unweigerlich auch nach Bornheim – das Dorf, das eine halbe Stunde Fußmarsch (die Pferdebahn wurde erst 1879 eröffnet) vor der Stadtgrenze lag, war die Touristenattraktion Nummer eins.

Lebenselixier Apfelwein

In der schreibenden Zunft hatte Bornheim viele Fans. Neben dem bereits erwähnten Freiherr von Evilmerodach war auch der Schriftsteller Eduard Beurmann 1832 angetan vom Lustigen Dorf: „Bornheim ist ein recht freundlicher Ort, voll Süßigkeit und Anmut, voll Tanz und Musik, voll Laune und Leben.“ Gar so freundlich ging es in den Lokalen Bornheims aber nicht immer zu, wie Beurmann beobachtete: „Man kann hier die besten Prügel, neben dem besten Apfelwein und den besten Wecken erhalten, beinahe so gut wie in Sachsenhausen.“

Heute ist Bornheim als klassisches Apfelweinviertel bekannt, dabei wurde hier Jahrhunderte lang nur Wein gekeltert. Als die Traubenernte jedoch dem Wetter und der berüchtigten Reblaus zum Opfer fiel, bewiesen sich die Bornheimer als findig und gewannen ihren Wein kurzum aus dem weitaus robusteren Apfel. Diverse Quellen behaupten, bereits im Jahre 1730 soll Apfelwein das Lieblingsgetränk der Bernemer gewesen sein. Verbürgt ist: Nach 1850 wurden hier keine Weintrauben mehr gelesen, sondern sich ausschließlich auf den zünftigen Ebbelwoi konzentriert.

Dieser machte übrigens schon erhebliche Preisschwankungen mit: Während der Weltwirtschaftskrise explodierten die Kosten für einen Schoppen: Im Mai 1932 mussten die Bernemer stolze 50 Mark für ein Glas berappen, im Oktober desselben Jahres waren es 12.000.000 Mark und einen Monat darauf: 200 Milliarden. Da kommen wir heute mit höchstens zwei Euro pro Schoppen gut weg.

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